Céline Cousteau, Enkeltochter des Forschungsreisenden und Meeresschützers Jacques Cousteau, hat mit Survival über ihre Arbeit mit den indigenen Völkern des Javari-Tales im Amazonasgebiet gesprochen. Sie sagt, sie habe bei den Indigenen viel über das Leben im Allgemeinen gelernt.

Céline Cousteau auf einer Reise für einen Film über die Arbeit der „HealingSeekers“ in Papua-Neuguinea.Céline Cousteau auf einer Reise für einen Film über die Arbeit der „HealingSeekers“ in Papua-Neuguinea.

© Céline Cousteau

Wie kam es zu Ihrer Arbeit mit den indigenen Völkern im Amazonasgebiet?

Seit meiner ersten Reise in das Amazonasgebiet in den frühen 80er Jahren hege ich große Bewunderung und Respekt für die dort lebenden indigenen Völker.

Sie haben mich einige der ergreifendsten und doch einfachsten Lektionen fürs Leben gelehrt. Ich glaube, das rührt daher, dass sie mehr mit sich selbst, ihren Mitmenschen und der ganzen Erde verbunden sind als wir in der „industrialisierten“ Welt.

Dieser große Respekt für ihre Art zu leben hat in mir den Wunsch geweckt, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Können Sie uns die Lebensweise der indigenen Völker des Javari-Tales beschreiben?

Das Javari-Tal umfasst eine Fläche von 9 Millionen Hektar. Die indigenen Gemeinden wohnen sehr abgelegen und manchmal braucht es Tage, um von einem Dorf zum nächsten zu kommen.

Es gibt zwei Gruppen von Menschen, die in dem Tal leben– solche Völker, die mit der Außenwelt in Kontakt stehen, und solche, die isoliert leben. Tatsächlich lebt in dieser Gegend die größte Anzahl von unkontaktierten Völkern weltweit! Und die UNESCO erachtet das Gebiet als einzigartiges Ökosystem.

Im Allgemeinen kreist das Dorfleben um die alltäglichen Bedürfnisse. Nahrungsmittel anzubauen und zu erjagen ist eine Vollzeitbeschäftigung. Die Versorgung der Familie steht an erster Stelle. Häuser müssen erbaut und erhalten werden und auch die gesundheitlichen Probleme – zuweilen schwerwiegende – erfordern viel Zeit und Zuwendung.

Wenn etwa ein Kind von einer Schlage gebissen wird, kann es Tage dauern, bis die Familie mit dem Kanu die nächstgelegene Krankenstation erreicht. Das ist eine ganz andere Lebenswirklichkeit als die meine.

Die Matsés kennen keine Grenzen. Für sie ist das ganze Gebiet, das sich über brasilianisches und peruanisches Territorium erstreckt, ein einziges, ihr angestammtes Land.Die Matsés kennen keine Grenzen. Für sie ist das ganze Gebiet, das sich über brasilianisches und peruanisches Territorium erstreckt, ein einziges, ihr angestammtes Land.

© Survival International

Dennoch würden die Angehörigen indigener Völker, mit denen ich gesprochen habe, ihre Lebensweise niemals gegen eine andere eintauschen wollen. Sie wollen weiterhin in Würde und Respekt dort leben, wo sie jetzt sind. Und sie wollen frei von äußeren Bedrohungen leben – wie etwa Ölbohrungen, Änderungen in der Landtitulierung oder den Folgen von illegalem Holzschlag und Fischfang.

Was hat Ihre Arbeit mit den Völkern des Javari-Tales inspiriert?

Im Jahr 2007 reiste ich im Rahmen einer Filmexpedition meines Vaters ins Javari-Tal. Es ging bei diesem Dokumentarfilm „Rückkehr zum Amazonas“ darum, den Reisen meines Großvaters in den früher 1980er Jahren nachzuspüren.

Seitdem sie in Kontakt zur Außenwelt stehen, sind viele Matsés schwer erkrankt – vor allem an Malaria und an anderen eingeschleppten Krankheiten, die sie mit pflanzlichen Mitteln nicht heilen können.Seitdem sie in Kontakt zur Außenwelt stehen, sind viele Matsés schwer erkrankt – vor allem an Malaria und an anderen eingeschleppten Krankheiten, die sie mit pflanzlichen Mitteln nicht heilen können.

© Survival International

Die rapide zunehmende Verbreitung von Hepatitis aller Typen (A, B, C und Delta) hat mich schockiert, sodass ich helfen wollte. Jahre später ergab sich die Gelegenheit, als eine meiner Kontaktpersonen des Marubo-Volkes mich bat, die Geschichte der Marubo an die Außenwelt weiterzugeben, sodass Menschen etwas über ihr Leben lernen konnten. Diese Aufforderung stellte für mich eine wertvolle Gelegenheit dar und war wie ein Geschenk, das annahm.

Das Projekt hat mich gelehrt, weit voraus in die Zukunft zu blicken.

Können Sie uns etwas über die Beziehungen indigener Völker zu ihrem Land erzählen? Warum, meinen Sie, ist ihnen der Regenwald so wichtig?

Die Existenz indigener Völker hängt am Regenwald. Es ist so einfach. Im Wald finden sie die Pflanzen, mit denen sie ihre Krankheiten (außer die von außen eingeschleppten) heilen können. Der Regenwald versorgt ihre Familien mit Fleisch und Fisch. Er spendet Wasser zum Trinken, um damit zu kochen oder um darin zu baden. Alles was sie tun, hängt von ihrer Umgebung ab.

Einer der Anführer der Mati hat mir erklärt, dass das Wort „nachhaltig“ nur deshalb nicht zu ihrem Vokabular gehört, weil sie eben seit Generationen schon so leben! Die heutigen Ungleichgewichte haben sie erst kennengelernt, als die Außenwelt in ihr Leben einfiel.

Können Sie uns etwas über die Beziehungen indigener Völker zu ihrem Land erzählen? Warum, meinen Sie, ist ihnen der Regenwald so wichtig?

Die Grundsätze, nach denen sie leben, sind die, zu denen auch wir zurückkehren sollten. Es sind die, die es unterstützen, im Einklang mit unserer natürlichen Umgebung zu leben. Die indigenen Völker des Javari-Tales tun das ganz selbstverständlich. Nur so überleben sie. Ich glaube, dass wir in der industrialisierten Welt uns dermaßen weit von solchen essentiellen Einsichten entfernt haben, dass wir erst wieder neu lernen müssen, wie wichtig es ist, im Einklang mit der Natur zu leben.

Die Schönheit des AmazonasDie Schönheit des Amazonas

© Céline Cousteau

Es ist für uns wichtig, nicht zu vergessen, dass diese natürliche Umwelt uns mit allem versorgt, was wir fürs Leben benötigen. Wenn wir sie ausbeuten, sie verschmutzen oder sie ausplündern, dann schädigen wir nicht nur unsere Umwelt, sondern unsere eigene Zukunft.

Was sind die größten Gefahren für das Leben der Indigenen des Javari-Tales?

Illegale Holzfäller und Fischer dringen in das geschützte Gebiet des Javari-Tales ein. Ihre Anwesenheit gefährdet nicht nur indigene Völker und zerstört die Umwelt, sondern verstößt damit auch gegen brasilianisches Recht: Es handelt sich nämlich um ein gesetzlich geschütztes indigenes Reservat.

Und was die Sache noch schlimmer macht: Es gibt Gerüchte in Brasilien, wonach die Gesetze geändert werden sollen, die die Grenzen des angestammten Landes indigener Völker festschreiben. Wenn die Kontrolle von indigenen Organisationen an die Exekutive der Regierung übergehen würde, dann könnten politische und wirtschaftliche Interessen den Vorrang gegenüber einer gerechten und fairen Gesetzgebung erhalten.

Nicht nur die bereits kontaktierten Völker würden unter dem zu erwartenden Rohstoffabbau (Öl, Gold etc) leiden, sondern besonders die noch unkontaktierten Völker der Region wären einer großen Gefahr ausgesetzt. Wegen ihrer bisherigen Isolation könnten selbst von außen mitgebrachte, gewöhnliche Erkältungskrankheiten ihre Auslöschung bedeuten. Das hat die Geschichte bereits mehrfach gezeigt. So etwas dürfen wir nicht noch einmal zulassen.

Sie betonen oft, wie wichtig es sei, Geschichten zu erzählen. Welche Geschichten wollen Sie über die indigenen Völker des Amazonasgebietes erzählen?

Ein Marubo-Mann aus dem Javari-Reservat.Ein Marubo-Mann aus dem Javari-Reservat.

© Céline Cousteau

Als mich die Menschen aus dem Javari-Tal baten, ihre Geschichten zu erzählen, stand für sie der Bedarf nach medizinischer Versorgung im Vordergrund – gerade angesichts der rapide ansteigenden Hepatitis-Raten.

Ihre Hoffnung ist es, dass sie umso eher die nötige Hilfe erhalten werden, je mehr Menschen von ihnen und ihrem Leben erfahren.

Aber ich möchte nicht nur ihre Krankheitsgeschichten erzählen. Ich möchte auch von ihren Lebensgewohnheiten, ihrem Alltag und von den Herausforderungen erzählen, vor denen sie stehen. Wie sie leben, wer sie sind, was sie denken, fühlen und reden – das sind die Geschichten, die ich erzählen möchte.

Ich glaube, damit die Menschen sich mit den Bewohnern des Javari-Tales verbunden fühlen, müssen sie das Gefühl haben, sie zu kennen und sie als einen Teil der Menschheit verstehen.

Indem ich durch Alltagsgeschichten ihr Leben anderen Menschen näher bringe, erhoffe ich mir, dass sie mehr Beachtung erfahren und dass sich immer mehr Menschen begeistern lassen, ihre Lebensweisen und ihr Recht, über ihre Zukunft selbst zu bestimmen, zu schützen.

Erzählen Sie uns ein wenig mehr von dem Projekt, an dem Sie zurzeit im Amazonasgebiet arbeiten.

Ich arbeite an einem multimedialen Geschichtenerzähl-Projekt über die Menschen des Javari-Tales. Es wird einen abendfüllenden Dokumentarfilm enthalten und entsteht in Zusammenarbeit mit brasilianischen NGOs. Das wird ein langwieriger Prozess!

Ein Komoran des Amazonasbeckens breitet seine Flügel zum Trocknen aus.Ein Komoran des Amazonasbeckens breitet seine Flügel zum Trocknen aus.

© Céline Cousteau

Was erwarten Sie als Projektergebnis?

Das beste Ergebnis wäre es, wenn das Javari-Tal unberührt bliebe und als indigenes Land demarkiert würde.

Zweitens, dass die Angehörigen der indigenen Völker eine gute Gesundheitsversorgung erhielten.

Wollen Sie auch in Zukunft mit indigenen Völkern arbeiten?

Oh ja sicher! Dieses Amazonas-Projekt dauert ja bereits einige Jahre und wird auch noch einige weitere andauern. Ich bin dem Amazonasgebiet seit meiner Kindheit verbunden und die Region wird Teil dessen bleiben, was ich bin und was ich tue.

Survival als die globale Bewegung für die Rechte indigener Völker glaubt an eine Welt, in der indigene Rechte respektiert werden. Wie glauben Sie, können unsere Unterstützer diese Überzeugung voranbringen und somit die öffentliche Meinung beeinflussen?

Es ist sehr wichtig, Geschichten, Wissen und Informationen zu teilen. Die, die sich bereits als Teil des Ganzen fühlen, sollten dieses Verbindung weitergeben!

Ein Matsés-Mädchen.Ein Matsés-Mädchen.

© Survival International

Umso besser wir informiert sind, umso besser können wir verstehen, wie wichtig die globalen Menschenrechte sind.

Wenn sich indigene Völker dafür entscheiden, ein ganz anderes Leben als unseres zu führen, heißt das nicht, dass diese Entscheidungen deshalb weniger wert seien, oder dass ihre Leben weniger wichtig seien.