© Sinem Saban/ Survival


Über 1.500 Häuser hat das apokalyptische Inferno zerstört, das Australien verwüstet. Die Familien ließen alles hinter sich und haben nichts mehr, zu dem sie zurückkehren können. Keine noch so hohe Versicherungszahlung könnte den Verlust ausgleichen, der sich nicht in Geld messen lässt: Kinder-Zeichnungen, Geschenke alter Freund*innen und Familien-Fotos sind für immer verloren.

Der 66-jährige Phil Sheppard verließ sein Grundstück in der Region Hunter Valley im australischen Bundesstaat New South Wales, als die Flammen sich bedrohlich näherten. Im Internet verfolgte er, wie das Feuer scheinbar das Haupthaus und die angrenzenden Hütten verschlang. Phil rechnete bei seiner Rückkehr mit einer einzigen Verwüstung. Doch er sollte sich täuschen. „Ich bog um die Kurve und konnte sehen, dass meine Hütte noch stand. Ich konnte es einfach nicht glauben“, sagte Sheppard dem „Sydney Morning Herald“. „Das Feuer war genau um das Haus herum gebrannt … es schien so, als ob irgendjemand da gewesen war, das Feuer gesehen und es gelöscht hatte. Aber es war überhaupt niemand hier.“

Phil ist Aborigine und schreibt dieses scheinbar wundersame Überleben dem zu, was man in Australien „kulturelles Abbrennen“ nennt: eine indigene Landmanagement-Technik, die nicht nur von den Indigenen Australiens, der USA und Kanadas praktiziert wird, sondern auch von vielen anderen indigenen Völkern auf der ganzen Welt.

Eine Szene aus den katastrophalen Feuern im Amazonasgebiet im Jahr 2019. Als die Feuerwehr mit den lokalen indigenen Gemeinden in der brasilianischen Savanne zusammenarbeitete, nahm die Zahl der Feuer in der Trockenzeit um 57 Prozent ab.Eine Szene aus den katastrophalen Feuern im Amazonasgebiet im Jahr 2019. Als die Feuerwehr mit den lokalen indigenen Gemeinden in der brasilianischen Savanne zusammenarbeitete, nahm die Zahl der Feuer in der Trockenzeit um 57 Prozent ab.

© Sarah Shenker/Survival


Das „kulturelle Abbrennen“ wird aus vielen Gründen praktiziert und bringt einige Vorteile. Entscheidend ist, dass das Legen von kleinen, kontrollierten Bränden am Boden brennbares Pflanzenmaterial beseitigt und einer Impfung gegen die gefährlichen Feuerbrünste gleichkommt, die leicht außer Kontrolle geraten, indem es den Flammen schwerer gemacht wird, sich auszubreiten. Doch während der Kolonialisierung wurde diese Praxis meist verboten. Die Kolonialherren verstanden das Abbrennen nicht und setzten das bewusste Legen von Bränden mit Brandstiftung gleich – ein schrecklicher Irrtum.

Das Verbot des kulturellen Abbrennens führte nicht nur zu mehr und schwereren Buschbränden. Wissenschaftler*innen sind inzwischen auch zu der Erkenntnis gekommen, dass Feuer in vielen Ökosystemen eine wesentliche Rolle spielen. Zum Beispiel gibt es Pflanzenarten, die vom Feuer abhängen, um sich zu reproduzieren. Es finden sich Beweise aus der ganzen Welt, dass indigene Völker nicht nur eine entscheidende Rolle dabei spielen, ihre Umwelt zu nähren und im Gleichgewicht zu halten. Sie fördern auch aktiv die Artenvielfalt. Indigene Völker von ihrem Land zu vertreiben oder ihre Lebensweise zu verbieten, kann daher schwerwiegende ökologische Konsequenzen haben.

Der Filmemacher Curtis Taylor, ein junger Martu-Aborigine, erklärte gegenüber der „New York Times“: „Viele Angehörige der Martu sagen, dass, sobald draußen auf dem Land keine Menschen mehr sind, auch alle Tiere verschwinden. Wenn aber Menschen und Tiere fehlen, dann wird das Land krank oder es fühlt sich unwohl. Dann gibt es kein Gleichgewicht mehr.“

Doch die Menschen lernen nicht aus der Geschichte. Immer noch zwingen herrschende Gesellschaften indigene Völker gewaltsam von ihrem Land und ignorieren ihr Wissen aufgrund der rassistischen Vorstellung, dass Menschen, die vom Land leben irgendwie „primitiv“ seien. Menschen, die von der Jagd und vom Sammeln leben, werden als das untere Ende dieser erfundenen Hierarchie angesehen. Doch um auf diese Weise sein Auskommen zu finden, muss man ein*e Biolog*in, Geograph*in und Ingenieur*in sein.

Eine Baka-Frau sammelt Walderzeugnisse.Eine Baka-Frau sammelt Walderzeugnisse.
© Survival


Das Volk der Baka, das im Kongo-Becken lebt, jagt und sammelt für seinen Lebensunterhalt. Die Baka haben 15 verschiedene Wörter für „Elefant“ – je nach Alter, Geschlecht und Temperament der Tiere. Die Indigenen können mühelos erkennen, wann und wo Wilderer in ihrem Wald sind. Warum also hört niemand auf sie? Was noch schlimmer ist: Den Baka wird ihr Land gestohlen, ihre Leben und ihre Existenzgrundlage werden zerstört – durch die Naturschutzindustrie höchstpersönlich. Der WWF, die größte Naturschutzorganisation der Welt, mache sich mitschuldig an Menschenrechtsverletzungen und Landraub, berichteten Bewohner*innen eines Baka-Dorfes im Nationalpark Messok Dja in der Republik Kongo Survival International gegenüber:

„Der WWF kam in unseren Wald und errichtet ohne unsere Zustimmung Grenzen. Es gab noch nicht einmal eine Erklärung. Sie sagten uns nur, dass wir nicht mehr das Recht hätten, in den Wald zu gehen. Die Wildhüter lassen uns bereits leiden. Sie schlagen Menschen, aber sie schützen die Elefanten nicht.“

Menschen zu verprügeln und ihnen ihr Land zu stehlen ist illegal und unmenschlich. Das ist mehr als Grund genug für uns, uns gegen das Verhalten des WWF und andere Verteter*innen eines „Festungsnaturschutzes“ zu stellen. Doch Indigene von ihrem Land zu trennen und ihre Lebensweise und ihre Landmanagement-Techniken zu verbieten bedeutet auch, dass ihr Wissen und ihre Expertise allmählich verschwinden werden.

Indigenes Wissen ist nicht einfach eine weitere Quelle, die westliche Menschen zu ihrem eigenen Nutzen ausbeuten können. Es gehört uns nicht und wird uns auch niemals gehören können: überwiegend ist es nicht niedergeschrieben und lebt, atmet und wächst stattdessen in den Menschen. 

Selbstverständlich müssen die Menschenrechte jedes einzelnen Menschen auf der Erde bedingungslos aufrechterhalten werden. Aber aufgrund des Klimanotstands wäre es nicht nur für sich genommen falsch, die Rechte indigener Völker zu missachten. Es könnte auch für uns selbst fatale Folgen haben. Es wäre idealistisch zu sagen, dass indigenes Wissen allein uns vor der Klimakrise retten wird. Jedoch handelt es sich um das tiefste Verständnis, das die Menschheit über einige der wichtigsten Ökosysteme der Erde besitzt. Und damit um eine der stärksten Waffen im Kampf um die Rettung unseres Planeten.

Aborigine-Felsenmalereien, Western Arnhem Land, Australien. Bei den Indigenen Australiens handelt es sich um die ältesten Zivilisationen der Erde. Die Vorfahren der heutigen Aborigines kamen vor mehr als 60.000 Jahren auf dem Kontinent an.Aborigine-Felsenmalereien, Western Arnhem Land, Australien. Bei den Indigenen Australiens handelt es sich um die ältesten Zivilisationen der Erde. Die Vorfahren der heutigen Aborigines kamen vor mehr als 60.000 Jahren auf dem Kontinent an.

© John Miles/ Survival


Unsere Gesellschaft leidet stark an der imperialistischen Annahme, dass die „anderen Gesellschaften“, die von ihrem Land leben und wenig zu tun haben mit der globalisierten Marktwirtschaft, ein weniger anspruchsvolles Verständnis der Dinge haben als wir. Oft tun wir ihr Wissen und ihre Weltanschauungen als Mythen und Aberglauben ab. Doch es ist unsere eigene Wissenschaft, die nach und nach beweist, dass wir da falsch liegen. Weltweit gibt es eine Unzahl an Beispielen.

Das indigene Volk der Alawa, das in Australiens Northern Territory lebt, verwendet das Wort „Jarulan“, um eine ganz besondere Art von Buschbrand zu beschreiben – ein Brand, der vorsätzlich von einem Vogel ausgelöst wurde. Es handelt sich bei „Jarulan“ um keinen Mythos, es ist nicht figurativ zu verstehen, und der Vogel wird auch nicht als eine Art Metapher verwendet. Das Ganze ist wirklich wahr. In einer Forschungsarbeit aus dem Jahr 2017 bestätigten Wissenschaftler*innen, dass es sogar drei Vogelarten gebe, die Brände vorsätzlich ausbreiteten, und zwar, um ihre Beute aufzuscheuchen.

Während die meisten wissenschaftlichen Studien ihre Daten über Monate oder Jahre sammeln, häuft sich indigenes Wissen über Jahrtausende an. Es bietet eine Perspektive, die zu ignorieren wir uns nicht leisten können. Über 230.000 Menschen starben 2004 infolge eines Tsunamis in Asien. Die Riesenwellen schienen ohne Warnung zu kommen. Die indigenen Völker der Inselgruppe der Andamanen jedoch erkannten die Warnsignale der sich anbahnende Naturkatastrophe. Sie handelten entsprechend und ihre Gemeinden blieben daher weitgehend vom Tsunami verschont.

Die westliche Gesellschaft neigt dazu, die Natur als eine Ressource anzusehen, die es für uns auszubeuten gilt. Entweder aus Vergnügen oder des Profits wegen. Die westliche Gesellschaft glaubt gerne, dass Menschen irgendwie getrennt von der Natur seien oder sogar „über“ ihr stünden. Demgegenüber begreifen die meisten indigenen Weltsichten die Menschen und die Umwelt, die diese bewohnen, als untrennbar miteinander verbunden und als wechselseitig voneinander abhängig.

In seinem Buch „The Falling Sky“ schreibt der Yanomami-Schamane David Yanomami: „Die weißen Menschen haben schon mehr als genug an Metall, um ihre Waren und ihre Maschinen herzustellen, Land, um ihre Lebensmittel anzubauen, Kleidung, um sich zu bedecken und Autos und Flugzeuge, um sich mit diesen fortzubewegen. Und dennoch begehren sie das Metall unseres Waldes, um noch mehr von all diesen Dingen herzustellen, obwohl der faule Atem ihrer Fabriken sich bereits überallhin ausbreitet … seine Dunkelheit wird vielleicht auf unsere Häuser niedergehen, so dass die Kinder unserer Kinder die Sonne nicht mehr sehen werden.“

Es ist an der Zeit zuzuhören.

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