von Stephen Corry, Direktor Survival International

Die Naturschutzindustrie sagt, 2020 sei ihr Superjahr.  Sie will dreißig Prozent der Erde für den Artenschutz reservieren und Milliarden Dollar vom Kampf gegen den Klimawandel in natürliche Klimalösungen umleiten. Doch dies wäre eine Katastrophe für die Menschen und den Planeten.

Der Natur- und Artenschutz – entstanden in den 1860er Jahren in den USA aus einer rassistischen Ideologie – verpflichtete sich vor 30 Jahren menschenfreundlich zu werden. Doch das ist nicht geschehen. Jetzt wird es wird wieder neue Versprechen geben, schon allein um Kritiker*innen und Geldgeber*innen wie die deutsche Regierung und die Europäische Kommission zu besänftigen, die heute für Landraub, Mord und Folter im Namen von Naturschutz bezahlen. Die neuen Versprechen werden wieder bedeutungslos sein.

Es sollten keine öffentlichen Gelder mehr für Schutzgebiete verwendet werden bis Naturschutz-Akteur*innen ihre Verbrechen anerkennen, sich von den Verantwortlichen trennen und gestohlenes Land zurückgeben, einschließlich einer Entschädigung. Naturschutzverbände müssen zudem aufhören, mit Bergbau-, Holz-, Öl- und Plantagenunternehmen zu kuscheln.

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Die Verdoppelung sogenannter Schutzgebiete auf 30 Prozent der Erdoberfläche ist die jüngste Idee, die sich die großen Naturschutzverbände auf die Fahnen geschrieben haben. Es ist ihre wichtigste Parole und ihre Antwort auf zwei der größten Probleme der Erde ­ das Klimachaos und der Verlust der Artenvielfalt. Und es klingt gut: Es ist leicht zu verstehen, hat messbare Zahlen und lässt sich daher gut verkaufen.


Es scheint keine bessere Antwort auf den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt zu geben, als die Einmischung des Menschen in riesige Gebiete zu verbieten vorausgesetzt man glaubt, dass „alle“ gleichsam schuld an diesen beiden Krisen sind und dass alles gelöst wird, indem man sie fernhält. Die Idee steht schon seit Jahren im Raum, aber jetzt werben Regierungen und Industrien wirkmächtig dafür, so dass es schwierig sein wird, sich dem zu entziehen. Dennoch bleibt es gefährlicher Unsinn, der genau das Gegenteil von dem bewirken würde, was angekündigt wird. Wenn wir unsere Welt retten wollen, muss man ihn stoppen.


Ohne Zweifel ist die weltweite Verringerung der Umweltverschmutzung für das Klima entscheidend. Ein Stopp der industriellen Ausbeutung intakter Gebiete ist von fundamentaler Bedeutung für die Flora und Fauna sowie für die körperliche und geistige Gesundheit der Bewohner*innen und Besucher*innen. Nichts davon ist umstritten. Aber das sind eben nicht die Argumente hinter dem „New Deal for Nature. Der New Deal ist ein Marketing-Trick, der darauf abzielt, noch mehr Geld für diejenigen zu sammeln, die seit Jahrzehnten bewiesen haben, dass sie weder den Klimawandel noch den Verlust der Artenvielfalt eindämmen können.


Nehmen wir an, das Vorhaben der 30 Prozent würde gelingen. So müsste es doch – wie bei den neuen Kleidern des Kaiser – jedem Kind klar sein, dass dies nicht zwangsläufig zu einer Verringerung des Klimachaos führen würde: Das liegt einfach daran, dass es keinen Einfluss auf das hätte, was in den verbleibenden siebzig Prozent der Welt geschieht wo die meiste Umweltverschmutzung ihren Ursprung hat.


Wenn die Umweltverschmutzung außerhalb genauso stark ist, dann ist es egal, was in den Schutzgebieten passiert, denn auch sie hängen vom Weltklima ab. Man kann den Wind nicht einzäunen. Ohne eine globale Reduzierung der industriellen Emissionen wird es nicht ausreichen, den bestehenden Wald intakt zu lassen oder viele Bäume zu pflanzen. Wenn man die Atmosphäre zerstört selbst von einem winzigen Teil der Erde aus –, dann zerstört man sie überall.


Nicht zum ersten Mal werben die Expert*innen für eine Politik, die wie ein Kind sehen kann sinnlos ist. Aber wenn die Lüge groß genug ist und ständig wiederholt wird, werden die Menschen sie schließlich glauben.


Was ist mit der zweiten Behauptung, dass Schutzgebiete notwendig sind, um den Schutz der Artenvielfalt zu gewährleisten? Jeder will zu Recht mehr davon: Je vielfältiger ein Ökosystem ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich anpasst und überlebt. Biodiversität ist die enorme Vielfalt des Lebens, und die Lebensformen sind miteinander verbunden: Sie sind voneinander abhängig. Wo die Flora und Fauna auf wenige Arten reduziert ist, gibt es einen Dominoeffekt, der die Zahl noch weiter reduziert.


So offensichtlich er auch sein mag, man muss es nochmal sagen: Um Metaphern zu mischen: Wenn der Dominoeffekt zu einem Schneeballeffekt wird, dann werden die Ökosysteme zu Wüsten, auch wenn sie sichtbar grün sind. Ölpalmenplantagen, die aus Tropenwäldern entstanden sind, sind ein berühmtes Beispiel dafür, dass viele Bäume in einem Gebiet gepflanzt werden, in dem die Artenvielfalt auf einige wenige Arten reduziert wurde. Solche Plantagen sind praktisch grüne Wüsten.


Wenn man die Propaganda beiseite lässt, ist es nicht möglich wissenschaftlich zu belegen, wie wirksam Schutzgebiete für die Förderung der Artenvielfalt sind. So beweist beispielsweise eine Grenze, die um ein Gebiet mit hoher Artenvielfalt gezogen wird, das dann zum Nationalpark erklärt wird, nichts über das Schutzgebiet: Die Artenvielfalt war schließlich schon da. In einem Punkt herrscht jedoch große Einigkeit: Und der heißt nicht, dass Schutzgebiete die Lösung sind.


Es hat sich gezeigt, dass die größte Vielfalt nicht in Gebieten zu finden ist, in denen menschliche Einmischung verboten ist, sondern im Gegenteil sie ist dort zu finden, wo indigene und andere lokale Gemeinden bleiben konnten und weiter das tun durften, was sie bisher getan haben. Es ist einfach nicht wahr, dass „alle“ für den Verlust der biologischen Vielfalt verantwortlich sind. Studien zeigen, dass von solchen Gemeinschaften verwaltete Wälder geringere Abholzungsraten haben als andere Schutzgebiete, und dass es der Natur in den von indigenen Völkern verwalteten Gebieten besser geht als anderswo.  An so unterschiedlichen Orten wie Australien, Brasilien und Kanada findet man in indigenen Gebieten mehr Vielfalt als in Naturschutzgebieten. Es scheint klar, dass biologische und menschliche Vielfalt miteinander verbunden sind.



Dies ist ein wichtiger Punkt, den Naturschutzverbände unter den Teppich kehren, wenn sie selbst mehr Geld einfordern: Gebiete, die von lokalen Bewohner*innen verwaltet werden, besonders wenn es sich um Indigene handelt, sind erfolgreicher als von Außenstehenden auferlegte Schutzgebiete. Eine Studie kam zu dem, wenn auch zögerlichem Schluss, dass die Vorstellung, dass indigene Reservate weniger effektiv sind als Naturschutzgebiete … noch einmal überprüft werden muss.  Das kann man wohl sagen! Es wird bereits heute geschätzt, dass indigene Gebiete nicht weniger als achtzig Prozent der weltweiten Artenvielfalt beherbergen. Das ist genau der Grund, warum Naturschützer*innen die Kontrolle übernehmen wollen. Indigene Völker werden gerade wegen ihres umfangreichen Wissens und Erfolges bei der Verwaltung ihrer Gebiete zu Opfern.


Sogar dort, wo Schutzgebiete zwecks des Erhaltes ikonischer Arten bejubelt werden, sind die Ergebnisse durchmischt. Der ehemalige Leiter einer Naturschutz-NGO glaubt zum Beispiel, dass es außerhalb von Schutzgebieten mehr indische Tiger geben könnte als innerhalb. Niemand weiß es, aber sicher ist, dass die Zahl der Elefanten, als die britischen Kolonisatoren in den 1950er Jahren die indigenen Waliangulu-Elefantenjäger in Kenia einkerkerten, in die Höhe schnellte. Aber dann abstürzte, als die nächste Dürre einsetzte und die Herden für die Vegetation zu zahlreich wurden. Tausende Elefanten verhungerten. Schließlich stellte sich das Gelichgewicht wieder her, das die Waliangulu seit Generationen oder Jahrtausenden erhalten hatten. In Südafrika wurden zwischen 1967 und 1996 jedes Jahr durchschnittlich fast 600 Elefanten gekeult (um Spender*innen und Geldgeber*innen nicht abzuschrecken, möglichst stillschweigend). Das Verbot der traditionellen indigenen Jagd schadet im Allgemeinen der biologischen Vielfalt.



Die Natur zu schützen, indem man die lokalen Anwohner*innen aussperrt, hat nicht funktioniert. Dabei ist es auch nicht hilfreich, dass viele „Schutzgebiete“ nicht wirklich geschützt sind: Industrielle Ausbeutung Bergbau, Rodungen, Plantagen, Konzessionen für die Trophäenjagd oder umfangreiche, meist hochwertige touristische Infrastruktur sind die Realität. Die Bewohner*innen werden hinausgeworfen, wenn das Land von der einen oder anderen Industrie in Zusammenarbeit mit der einen oder anderen großen Naturschutzorganisation übernommen wird.


Ob es einem gefällt oder nicht: Bei vielen Schutzgebieten geht es nicht nur um Naturschutz, sondern genauso sehr auch darum, den lokalen Bewohner*innen das Land zu rauben, um jemand anderem einen Gewinn zu verschaffen. Das berühmte Central Kalahari Game Reserve in Botswana ist das zweitgrößte Wildreservat der Welt, aber es ist auch an Bergbaukonzerne verpachtet. Es gibt eine Diamantenmine mit Straßen und schweren Maschinen, in der eine winzige Handvoll Indigener, die dort seit Generationen leben, gelegentlich niedere Jobs erhalten (Die Regierung hat sie vertrieben, bis der Oberste Gerichtshof das Recht auf Rückkehr einforderte). Wie in fast allen afrikanischen Schutzgebieten können wohlhabende Reisende eine luxuriöse Unterkunft innerhalb des Reservats genießen. Der Mann, der sowohl für den Tourismus als auch für die Diamantenmine verantwortlich war, ist der ehemalige Präsident Botswanas: General Ian Khama, ein gefeierter Naturschützer, der auch im Vorstand des Naturschutzriesen Conservation International saß.


Dieser Landraub ist ein Problem für uns alle, und das nicht nur, weil die lokalen Bewohner*innen im Allgemeinen viel bessere Naturschützer*innen sind als wir: Es überrascht nicht, dass sie sich dagegen wehren, wenn ihr Land und ihre Selbstversorgung für den Gewinn von anderen geplündert werden. Es überrascht nicht, wenn ihr Bedürfnis nach Nahrung und manchmal auch ihre Wut sich in der Missachtung von Jagdverboten niederschlägt (was sie zu Wilderern macht, weil sie versuchen, ihre Familien zu ernähren). Es überrascht nicht, dass sie Maßnahmen ergreifen, um ihr angestammtes Gebiet zurückzuerobern.


Zum Beispiel schneiden Viehhirten, deren Herden in Ostafrika aus privaten „Conservanciesverbannt sind, die Zäune durch und gehen wieder hinein. Sie können bewaffnet sein, und die gewalttätigen Zusammenstöße nehmen zu. Einige Forscher*innen befürchten, dass ein zunehmendes Blutvergießen unvermeidlich ist und dass die zunehmende Militarisierung des Naturschutzes die Dinge nur noch schlimmer machen wird. Doch dies ist das Modell, das als die Zukunft der Schutzgebiete angepriesen wird, ein Modell, das angeblich mit der Unterstützung der lokalen Gemeinschaften umgesetzt wird (was oft eine Lüge ist). Die Schutzgebiete werden von der amerikanischen NGO The Nature Conservancy unterstützt und sind weitgehend gewinnbringende Investitionen, die auf wohlhabende Unternehmen und Reisende abzielen. Sie übernehmen riesige Gebiete in Ostafrika und darüber hinaus.


So wie sich die Afrikaner*innen im letzten Jahrhundert (zumindest teilweise!) der europäischen Herrschaft entzogen haben, ist es unwahrscheinlich, dass sie sich still und leise dem anschließen werden, was als weitere Kolonisierung angesehen wird ­– diesmal von Naturschützer*innen. Wenn sich die Dinge nicht ändern, werden Schutzgebiete in Afrika zu realen und nicht zu metaphorischen Schlachtfeldern werden. Seriöse Umweltschützer*innen wissen, dass kein Schutzgebiet lange Zeit bestehen kann, wenn es von einer wütenden Bevölkerung umgeben ist. Dennoch scheinen Naturschutzgruppen nicht in der Lage zu sein, ihre Praxis zu ändern. Sie ermahnen die Industrie, nachhaltig zu werden, und fördern gleichzeitig ihr eigenes Modell, das es offensichtlich nicht ist.


Der WWF zum Beispiel verletzt regelmäßig die Menschenrechte, das Gesetz und seine eigenen Richtlinien. Er hat bereits Millionen von Dollar für die illegale Entstehung eines neuen Schutzgebietes im Kongo, Messok Dja, ausgegeben. Das Geld stammt vom WWF selbst und seinen Unterstützer*innen, darunter ein Holz- und Ölpalmenunternehmen und ein Luxustourismusunternehmen, sowie von der Wildlife Conservation Society, der US-Regierung, der EU und der UN. Wie bei der Schaffung fast aller afrikanischen Schutzgebiete bestand der erste Schritt darin, die indigenen Baka, die dort wahrscheinlich seit Tausenden von Jahren leben und die ihre artenreiche Umwelt nachhaltig bewirtschaftet haben, rauszuwerfen und zu terrorisieren. Jetzt werden sie von ihrem angestammten Land ferngehalten und terrorisiert, geschlagen und verhaftet, wenn sie zurückkehren, um traditionelle Nahrungsmittel oder Heilpflanzen zu suchen.



So werden die dreißig Prozent für den New Deal for Nature aussehen ein Drittel der Erdoberfläche wird aus Profitgründen gestohlen. Es ist ein neuer Kolonialismus, die größte Landnahme der Welt, angeblich grün und angeblich, um die Welt zu retten eine wirklich große Lüge. Wie Odette, eine Baka-Frau aus dem Kongo, über solche aufgezwungenen Naturschutzprojekte, die nicht funktionieren, sagt: Wir haben genug von diesem Gerede über Grenzen im Wald. Der Wald gehört uns.


Die letzten paar Generationen haben zur Genüge gezeigt, dass Treffen von Unternehmen, NGOs, Politiker*innen und Prominenten die Krise des Klimas und der Biodiversität nicht lösen werden. Sie gehören vielmehr zu den Hauptverantwortlichen für die Probleme und sind am wenigsten bereit, irgendeine Veränderung zu akzeptieren, die ihre Position bedrohen könnte. Sie streiten sich über Erklärungen, die niemand tatsächlich anwendet oder dies überhaupt beabsichtigt, und die voll von Klauseln sind, die business as usualgewährleisten. Die Treffen und Erklärungen sind umringt von einen enormen Medienzirkus, ähneln aber der Werkstatt des Kaisers, in der Hunderte von Schneider*innen eifrig Anzüge aus so verdünntem Material schneiden, dass sie seine Nacktheit nicht verdecken.


Die wirklichen Antworten auf die Krise des Klimas und der Biodiversität liegen in einer Umkehrung des gegenwärtigen Ansatzes und in der Ablehnung des New Deal for Nature und seiner Annahmen über die Beziehung zwischen indigenen Völkern und der Natur. Wenn wir unsere Welt wirklich retten wollen, dann müssen wir damit beginnen, dass die Reichen ihren massiven Überkonsum reduzieren. Die wohlhabendsten zehn Prozent verursachen etwa die Hälfte der gesamten Umweltverschmutzung der Welt, also müssen sie am härtesten daran arbeiten, diese zu reduzieren. Sowohl militärische Konflikte als auch das Wachstum von Informationstechnologien müssen als die großen Verursacher der Umweltverschmutzung angesehen werden, die sie sind. Ersterer wird im Klimaaktivismus kaum erwähnt, und der Plan des zweiten ist das genaue Gegenteil von dem, was nötig wäre, mit noch mehr energiehungriger künstlicher Intelligenz, die unser Leben zum Nutzen von Industrie und staatlicher Kontrolle überwacht. Wenn wir die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern wollen, müssen wir auch die Abhängigkeit von intelligenter Technologie reduzieren, und wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass echte Lösungen nicht in Marketing-Tricks wie Netto-​Null-Emissionen, CO2-Kompensation, Emissionshandel oder „Inwertsetzung der Natur“ gefunden werden. Echte Lösungen werden mit den lokalen und indigenen Gemeinschaften gefunden, die die biologische Vielfalt der Welt seit jeher erfolgreich geschaffen und verwaltet haben.


Nicht die Menschheit als Ganzes ist für diese Probleme verantwortlich, sondern ein bestimmter Sektor, und zwar derselbe, der den New Deal for Nature“ ausgearbeitet hat. Diejenigen, die sich dafür einsetzen, wollen bestimmen, wie der Rest der Welt leben sollaber sie handeln in erster Linie für sich selbst. Das Verbot menschlicher Aktivitäten in weiteren Schutzgebieten ist eine weitere Manifestation der Hybris, die uns überhaupt erst in diesen Schlamassel gebracht hat. Die Menschen vor Ort diejenigen, die ein gewisses Maß an Selbstversorgung, gesundem Menschenverstand und Verbindung zu ihrer Umwelt bewahren sind auch heute noch das stärkste Rückgrat der Menschheit. Sie haben bessere Antworten als die Naturschutztechnokrat*innen und andere globale Eliten, denen ihre Perspektive fehlt. Noch mehr von ihnen rauszuschmeißen treibt sie bestenfalls in die landlose Armut. Schlimmstenfalls zerstört es sie und ihre Umwelt. Es wäre für alle katastrophal.

Quellenangaben und englisches Original des Textes können hier abgerufen werden.