Parkwächter*innen der kenianischen Forstbehörde brennen am 10. Juli 2020 Sengwer-Häuser im Embobut-Wald nieder.

Parkwächter*innen der kenianischen Forstbehörde brennen am 10. Juli 2020 Sengwer-Häuser im Embobut-Wald nieder. © Elias Kimaiyo

In einem heute von Survival International veröffentlichten Brief appellieren die Sengwer aus Kenia an die westliche Öffentlichkeit, keine Naturschutzprojekte mehr zu finanzieren, die ihr Land stehlen und ihr Leben zerstören: „Wenn Sie die Natur schützen wollen, müssen Sie zuerst die Landrechte für uns, die Sengwer, und andere indigene Völker gewährleisten. Es kann keinen Wald geben, ohne dass unsere Rechte respektiert werden.“

„Dieses Modell des Naturschutzes, das Sie finanzieren, stammt aus der Kolonialzeit und wird zu einem Völkermord führen… Wir fordern Sie auf, die Verletzung von indigenen Lebensweisen, die nachhaltig sind und die Umwelt respektieren, nicht weiter zu finanzieren. Arbeiten Sie stattdessen mit uns zusammen und schützen Sie unsere Rechte, um unseren gemeinsamen Wald zu schützen. Und davon profitieren nicht nur wir, die Sengwer, sondern alle Gemeinschaften in Kenia und der Rest der Welt.“

Der öffentliche Brief folgt auf tagelange Gewalt in Loliondo im Norden Tansanias, wo die Behörden Tausende von Massai vertreiben wollen, um Platz für die Trophäenjagd und Luxus-Tourismus zu schaffen.

Dieser Appell wird von indigenen Völkern aus ganz Ostafrika unterstützt, die sich gegen rassistische und koloniale Naturschutzprojekte, bekannt als „Festungsnaturschutz“ aussprechen.

Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF), The Nature Conservancy# und andere große Naturschutzorganisationen sowie die EU und die Regierungen Deutschlands, Frankreichs und der USA sind wichtige Geldgeber*innen für Naturschutzprogramme, die die Einrichtung und Unterstützung von Naturschutzgebieten auf dem angestammten Land indigener Völker umfassen, Dies hat gravierende Konsequenzen für lokale Gemeinschaften und indigene Völker, die oft vertrieben und misshandelt werden.

Angehörige der Sengwer

Angehörige der Sengwer © Survival

Zu den indigenen Völkern, die die Folgen des Festungsnaturschutzes am eigenen Leib erfahren und die Folgen für ihre Lebensweise anprangern, gehören:

  • Die Borana (Kenia): Ein Borana-Mann sagte zu Survival: „Ich bitte die Welt, die ganze Welt, die Geld an den Northern Rangelands Trust (NRT) spendet, sich nicht um meine Hautfarbe oder meine Religion zu scheren, sondern scheren Sie sich um uns als Menschen. Wir werden gefoltert, wir werden zum zweiten Mal kolonisiert, wir werden sterben… wir bitten Sie, diese Spenden an den NRT zu stoppen. Wenn Sie ein Mensch sind, wenn Sie wirklich menschlich sind, dann hören Sie bitte damit auf.
  • Die Massai (Tansania): Ein Massai-Mann sagt: „Euer Geld ist Gift für uns. Naturschutz ist immer schlecht. In der Massai-Kultur brauchen wir ein frei zugängliches Gebiet für unser Vieh. Aber seit dem Beginn des Naturschutzes werden wir in kleine Gebiete gedrängt, wodurch viele Rinder gestorben sind. … Von allen Feinden der Welt ist die Zoologische Gesellschaft Frankfurt der Feind Nummer eins der Massai. Denn sie ist für die Vertreibungen der Massai verantwortlich, seit wir die Serengeti verlassen haben. Sie kamen mit ihren Ideen und ihrem Geld. Auch in Ngorongoro, und jetzt in diesem 1500 km2 großen Gebiet. Seit ich die Serengeti verlassen habe, habe ich viele wichtige Dinge verloren. Ich habe die Serengeti verloren – die Ebenen, so ein gutes Land zum Weiden, das ich so liebte.“
  • Die Endorois (Kenia): Ein Mann, der 1973 im Namen des Naturschutzes vertrieben wurde, sagte: „Vorher war das Leben gut. Wir hatten eine Menge Tiere und unser Leben wurde nicht beeinträchtigt. Dann kam die Regierung und sagte, unser Land müsse ein Naturschutzgebiet sein und im Folgenden erlebten wir Unmenschliches. Wir wurden von der Polizei zur Flucht gezwungen und wussten nicht, wohin wir gehen sollten. Man sagte uns, dass es die Rolle der Regierung sei, sich um die Natur zu kümmern und nicht um die Menschen. Aber wir töteten die Tiere nicht, wir schützten sie.“
  • Die Ogiek (Kenia): „Die Regierung behauptete, dass die Vertreibung der Gemeinschaften eine Maßnahme sei, den Wald wiederherzustellen. Aber wenn der Wald den Ogiek gehören würde, würde er nicht zerstört werden. Der Wald ist der Ort, an den wir gehören und an dem es viele Dinge gibt, von denen wir abhängig sind.“

Das jüngste brutale Vorgehen in Loliondo, bei dem etwa 31 Massai verletzt wurden und Tausende flohen, hat Survival International und das Oakland Institute dazu veranlasst, an die UNESCO und die Weltnatuschutzunion IUCN zu schreiben. Sie fordern die internationalen Organisationen dazu auf das Ngorongoro-Schutzgebiet von der Liste des Weltkulturerbes zu streichen und alle Verbindungen zwischen ihnen und der tansanischen Regierung zu beenden.

Darüber hinaus schrieb Survival International an die ZGF und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und forderte, die Rechte indigener Völker zu gewährleisten.

Fiore Longo von Survival International sagte heute: „Es ist heute offensichtlicher denn je, dass die Gräueltaten und der Landraub im Namen des Naturschutzes nicht nur ‚ein paar faule Eier‘ sind – sie sind ein Teil des Systems. Wenn wir die biologische Vielfalt erhalten wollen, müssen wir die Landrechte der indigenen Völker respektieren und gegen dieses koloniale sowie rassistische Modell des Naturschutzes kämpfen. Da die Staats- und Regierungschefs auf der nächsten Weltnaturschutzkonferenz im Dezember darauf drängen werden, 30 % der Erde in Naturschutzgebiete umzuwandeln, ist es jetzt an der Zeit, sie wissen zu lassen, dass dieser Vorschlag eine Katastrophe für die indigenen Völker, für die Natur und für die ganze Menschheit ist.“