von Fiore Longo, Survival-Mitarbeiterin
27. Juli 2018

Wir saßen alle wortlos am Feuer. Es flimmerte auf den grauen Betonmauern hinter uns. Ich besuchte das Baiga-Volk im Auftrag von Survival International, der globalen Bewegung für indigene Völker, und damit auch die Überreste davon, was früher mal eine Gemeinschaft gewesen war.

„Im Wald hatten wir alles: Essen, Kleidung, Wasser. Als sie uns hierherbrachten, verloren wir alles. Jetzt haben wir nichts mehr.“

Sein in die Ferne gerichteter Blick leuchtete auf bei den Erinnerungen an sein Zuhause – den reichen Dschungel von Kanha und die Wälder in Madhya Pradesh, Indien, die „Das Dschungelbuch“ inspiriert haben.

Diese Angehörigen des Baiga-Volkes wurden vor vier Jahren aus ihrem Eden vertrieben. Jedoch war es keine Schlange, die sie vertrieb – es waren die Tiger.

Aus dem Kanha-Tigerreservat vertriebene Frau.Aus dem Kanha-Tigerreservat vertriebene Frau.

© Survival

Ein Baiga-Mann erklärt mir: „Menschen und Tieren können im selben Gebiet leben. Wir sind die Wächter des Waldes. Wenn wir ihn nicht retten, was wird dann passieren? Wenn wir ihn verlassen, wer wird ihn dann schützen?“

Die Nacht dämpft seine Worte in kalter Stille, aber seine Frage hallt nach. Geschätzte 100.000 Menschen wurden in Indien bereits im Namen des Tigerschutzes illegal aus ihrer Heimat vertrieben. Mindestens weitere 282.000 erwartet gegenwärtig die selbe Gefahr. Ist die Zerstörung von Leben, Lebensart und Lebensunterhalt von so vielen Menschen wirklich die bestmögliche Lösung für das Problem mit dem Tiger?

Großes Geld für Großkatzen

Der Tiger befindet sich als vom Aussterben bedrohte Art auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature). 1900 gab es ca. 40.000 Tiger in Indien. Am Ende der Kolonialzeit waren es nur noch 5.000. Heute scheint es, dass nur noch 2.226 übrig bleiben.

Um ihr „nationales Tier“ zu retten, rief die indische Regierung 1973 das Projekt Tiger ins Leben. Das Projekt wird heute von der National Tiger Conservation Authority geleitet und von großen Umweltorganisationen unterstützt. Ein Grundsatz ihrer Rettungsstrategie ist „für die Natur Platz zu machen“. Naturschützer*innen argumentieren, dass es immense Landflächen nur für die Tiere braucht, um das Überleben des indischen Tigers zu gewährleisten: keine Menschen erlaubt.

Die Tiger sind auch durch den Verlust ihres Lebensraums aufgrund von Industrialisierung, Urbanisierung und Straßenbau bedroht. Jedoch bleibt die drastischste Gefährdung die illegale Jagd, welche durch die Nachfrage aus dem zunehmend wohlhabenden asiatischen Markt angetrieben wird. Nach einer vom preisgekrönten Journalisten Wilfried Huismann durchgeführten Untersuchung ist der Preis von Tiger-Knochenmehl (verkauft als Potenz-Zaubertrank) in Chinatown in New York höher als der von Heroin.

Tiger-FußabdruckTiger-Fußabdruck

© Survival

Die Sorge um die geringe Anzahl von Tigern und grausame Bilder von verkauften Körperteilen überzeugen schnell Spender*innen im Westen, tief in die Tasche zu greifen und große Umweltorganisationen wie den World Wide Fund for Nature (WWF) zu unterstützen, die selbst den Tigerschutz in Indien fördern. Das indische Naturschutzmodell basiert darauf, Schutzzonen gesetzlich zu bestimmen und deren Grenzlinien von Wächtern patrouillieren zu lassen. Die Wächter sind – in manchen Reservaten – bewaffnet und dürfen bei Sichtkontakt schießen (“shoot on sight”). Dies ist als „Festungsnaturschutz“ bekannt.

Jedes Jahr fließen Unmengen an Geld wohlmeinender Einzelpersonen in die Kassen dieser großen Umweltorganisationen. Allein der WWF hat ein Tageseinkommen von 2 Millionen US-Dollar. Selbst wenn man zu dieser Art von Mensch gehört, die bereitwillig die verheerenden Auswirkungen auf das Leben Tausender Angehöriger indigener Völker ignoriert: Ist es wirklich das beste für die Umwelt, ihre besten Wächter*innen, die sich selbst als „Waldschützer*innen“ identifizieren, brutal zu verdrängen?

Die Beweismittel

Es wird nicht einmal nötig sein, nochmals einen Blick auf die Zahlen von oben zu werfen. Du hast es schon beim ersten Mal verstanden: Die größte Verringerung der Tigeranzahl fand während der Kolonialzeit statt. Unter britischer Herrschaft war die Tigerjagd unter britischen und indischen Eliten ein beliebter Sport in Indien. Selbst Prinz Philip, ehemaliger Präsident des internationalen und des britischen WWF, hat mindestens einmal an solch einer Jagd teilgenommen. Diese blutigen Ausflüge waren für den verheerenden Rückgang der Tigerzahlen verantwortlich – nicht die indigenen Völker.

Lord Curzon, Vizekönig von Indien, und seine Frau posieren nach einer Tigerjagd. Indien, 1902. Die Jagd durch die Raj-Elite war der Hauptgrund für den Niedergang des Bengal-Tigers, dennoch richten sich viele Naturschutzbemühungen jetzt gegen indigene Völker.Lord Curzon, Vizekönig von Indien, und seine Frau posieren nach einer Tigerjagd. Indien, 1902. Die Jagd durch die Raj-Elite war der Hauptgrund für den Niedergang des Bengal-Tigers, dennoch richten sich viele Naturschutzbemühungen jetzt gegen indigene Völker.

© Wikimedia

Bedenke die Tatsache, dass 40 % von Indiens Tigern außerhalb von Reservaten leben. Der Bau sporadischer „Naturschutzfestungen“ ist eine lückenhafte Lösung. Sollte man die Tiger außerhalb der patrouillierten Zonen einfach aussterben und die Landschaft dort verwelken lassen? Die lokalen Lebensarten der indigenen Völker haben sich Hand in Hand mit dieser Landschaft und ihrer Tierwelt entwickelt. Den Bewohner*innen dieser Landschaft zuzuhören, aus ihrer Lebenserfahrung zu lernen und mit ihnen zu arbeiten ist eine viel bessere (und günstigere) Lösung, als sie zu verdrängen und sie zu Feind*innen des Umweltschutzes zu machen.

Aber um tatsächlich Wilderei zu bekämpfen und den Kern des Problems anzugreifen, ist es unbedingt erforderlich, jenseits der einfältigen Mauern des Festungsnaturschutzes zu denken und die finsteren wirtschaftlichen Verhältnisse zu hinterfragen, die den Schwarzmarkt antreiben. Organisationen wie TRAFFICK (das Netzwerk zur Überwachung des Tierhandels) erkennen jetzt an, dass die Fokussierung auf die Verbraucherseite unabdingbar ist, um den illegalen Handel mit Körperteilen von Wildtieren zu bekämpfen. Man könnte Geld und Arbeit bestimmt besser in Projekte investieren, die sowohl die Einstellung von Käufer*innen ändern als auch die Nachfrage reduzieren können. Solang es jemanden gibt, der oder die bereit ist, die exorbitanten Mengen an Geld zu zahlen, die verzweifelte Menschen anreizen, ihr Leben zu riskieren, profitieren beide Seiten des Gesetzes erheblich vom Festungsnaturschutz.

Die BBC-Doku „Killing for Conservation“ zeigte letztes Jahr, dass die bewaffneten Ranger des Kaziranga-Nationalparks in Indien Wilderer nicht abschrecken können. Menschen sind bereit, ihr Leben für die hohen Preise, die durch das hohe Risiko entstehen, in Gefahr zu bringen. Das selbe Risiko, das sie fernhalten sollte. An der Spitze machen hochrangige Kriminelle ungestraft gemeinsame Sache mit korrupten Beamten. Die BBC berichtete, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Ranger durchschnittlich zwei Menschen pro Monat töteten – mehr als zwanzig Menschen im Jahr. 2015 war die Anzahl der von den Rangern getöteten Personen höher als die Anzahl der von Wilderern getöteten Nashörnern. Unschuldige Angehörige indigener Völker – darunter ein schwerbehinderter Mann –, der auf der Suche nach seinem Vieh war, sind von Parkwächtern getötet worden.

Akash Orang, ein siebenjähriger indigener Junge, wurde auf Lebenszeit verstümmelt, nachdem er von einer Wache im Kaziranga-Nationalpark angeschossen wurde. Der Park hat eine Shoot-on-Sight-Politik.Akash Orang, ein siebenjähriger indigener Junge, wurde auf Lebenszeit verstümmelt, nachdem er von einer Wache im Kaziranga-Nationalpark angeschossen wurde. Der Park hat eine Shoot-on-Sight-Politik.

© Survival

Dies macht das Lesen nicht gerade einfach. Es gibt jedoch immer wieder Beweise dafür, dass indigene Völker ihre Umwelt und derer Tierwelt besser als jede*r andere verwalten. Seit 1969 hilft Survival International ihnen, ihre Anliegen international bekannt zu machen. Ich war hier in Indien, um nicht nur die Idee des Festungsnaturschutzes als einen Weg zum Schutz der Umwelt in Frage zu stellen, sondern auch um mehr über die schwerwiegenden Verstöße gegen die Menschenrechte zu erfahren, die im Namen des Naturschutzes begangen werden.

Doppelmoral

Der kontroverseste Aspekt der Tigerreservate wird offensichtlich, sobald man eins besucht. Während indigene Völker illegal verdrängt werden und Schläge, Folter und sogar den Tod riskieren, falls sie das Reservat betreten, werden Hunderttausende Tourist*innen willkommen geheißen und Hotels und Restaurants florieren.

Tourist*innen, die einen Tiger im Bandhavgarh Nationalpark beobachten.Tourist*innen, die einen Tiger im Bandhavgarh Nationalpark beobachten.
© Brian Gratwicke

Allein der Kaziranga-Nationalpark wurde in der 2016-2017 Saison von über 170.000 Tourist*innen besucht. Während der Fahrt durch die atemberaubenden Wälder des Parks kann ich nicht verstehen, was der indische Junge neben mir versucht zu sagen. Der Lärm des Motors unseres Jeeps ist ohrenbetäubend. Und ich zähle die Fahrzeuge an den wir vorbeifahren: 19 in nur einer halben Stunde.

„Tourismus und Umweltschutz scheinen Gegensätze zu sein, aber sie ergänzen sich gegenseitig. Unser Schwerpunkt ist der Schutz der Tierwelt und Öko-Tourismus ist ein wesentlicher Teil davon,“ sagt der Bereichsdirektor des Tigerreservates Ranthambore in einem Interview mit der Times of India.

Im Reservat von Nagarhole erklärt mir ein Mann des Jenu-Kuruba-Volkes seinen Standpunkt: „Wir wurden verdrängt, weil wir angeblich zu laut waren und das störte den Wald, aber jetzt gibt es viele Jeeps und Touristenfahrzeuge. Stört das nicht auch die Tiere?“

„Der Tiger ist unser Bruder“

In einem in Zusammenarbeit mit dem WCS entstandenen Dokumentarfilm behauptet ein bekannter Vertreter des Festungsnaturschutzes, dass indigene Völker „ständig in der Angst vor Elefanten, Leoparden und Tigern leben“. Für die indischen Vertreter*innen des WCS ist es eine großzügige Handlung, indigene Völker zu überzeugen, ihr Land zu verlassen; nicht nur gegenüber der Natur, sondern auch gegenüber den indigenen Völkern selbst. Aber das ist die Sicht eines Außenstehenden und diejenigen, die mit dem Tiger geboren wurden, fürchten sie nicht.

Das Chenchu-Volk, dessen Wald in zwei Tigerreservate aufgeteilt wurde, sieht den Tiger als großen Bruder und Gott. Sie haben seit Generationen glücklich zusammen mit den Wildtieren gelebt. Ein Chenchu-Anführer erklärte mir im Amrabad-Tigerreservat: „Tiger sind wie unserer großen Brüder. Sie helfen uns. Wir sind keine Jäger. Wir lieben den Wald. Wir kümmern uns um Cheetahs, wilde Hunde und Tiger. Wenn ein Tiger ein Waldtier frisst, frisst er einen Teil davon und überlässt uns den anderen. Wenn wir Nahrung sammeln, helfen uns die Vögel. Sie sagen uns, ob gefährliche Tiere in der Nähe sind.“

Die Chenchu haben eine wechselseitige Beziehung mit dem Wald, die auf dem Respekt vor den Zyklen der Natur und in der Verantwortung für die zukünftigen Generationen basiert. Ihre Bräuche schreiben vor, dass sie niemals mehr nehmen sollen, als sie brauchen oder etwas verschwenden sollen.Die Chenchu haben eine wechselseitige Beziehung mit dem Wald, die auf dem Respekt vor den Zyklen der Natur und in der Verantwortung für die zukünftigen Generationen basiert. Ihre Bräuche schreiben vor, dass sie niemals mehr nehmen sollen, als sie brauchen oder etwas verschwenden sollen.

© Survival

Sie erklären in einem offenen Brief, der am Welttag des Tigers 2018 veröffentlicht wurde: „Wir verstehen das Wohlergehen des Waldes als unsere Pflicht. Wir schützen die Tier- und Pflanzenwelt dieses Waldes ohne sie zu verletzen. Dieser Wald ist unsere Heimat.“

Ich hörte die gleiche Botschaft von allen indigenen Völkern, die ich traf, und es war das Gegenteil der WCS-Beschreibung von Menschen, die Angst vor Wildtieren haben und verzweifelt den Wald verlassen wollen.

„Wenn wir einen Tiger sehen, haben wir keine Angst“, sagt mir ein Soliga-Mann im BRT-Hills-Reservat. „Für uns ist er wie Vieh, wie eine Kuh oder ein Huhn. Wir wissen, wie man mit ihm umgeht. Wir haben es seit Jahrtausenden getan. Tiger, Elefanten … für uns gibt es keinen Unterschied. Ihr seid diejenigen, die sie in den Zeitungen sehen und überrascht sind. Diese Tiere sind Teil unseres Lebens.“ Es scheint, dass die Tiger es nicht ertragen können, „beleidigt“ zu werden, sagt mir ein anderer Mann: „Wenn wir einen Tiger treffen, fürchten wir uns nicht: Sogar ein Kind weiß, dass es reicht, ihn als ‚dicken Hund‘ zu beschimpfen, damit er verschwindet.“

Die Soliga erklären, dass sie keine Angst haben, wenn sie auf einen Tiger treffen, selbst ein Soliga-Kind weiß, dass es reicht, ihn einfach als „dicken Hund“ zu bezeichnen – diese Beleidigung reicht aus, um ihn zu verjagen! BRT-Tigerreservat.Die Soliga erklären, dass sie keine Angst haben, wenn sie auf einen Tiger treffen, selbst ein Soliga-Kind weiß, dass es reicht, ihn einfach als „dicken Hund“ zu bezeichnen – diese Beleidigung reicht aus, um ihn zu verjagen! BRT-Tigerreservat.
© Survival International

Die letzte Tiger-Zählung ist ein Beweis dafür, dass Tiger und indigene Völker gut miteinander leben können. Im BRT-Hills-Reservat, in dem das Soliga-Volk das Recht zu bleiben erkämpft hat, ist die Anzahl der Tiger in einem Reservat zum ersten Mal überdurchschnittlich gestiegen. In den übrigen Regionen von Indien ist die Anzahl der Tiger um 30 % gestiegen – in den Wäldern der Soliga war es mehr als das Doppelte.

Die Zwangsräumungen sind nicht nur falsch – sie sind auch illegal

Die Regierung verabschiedete 2006 ein Gesetz, das spezifisch das Recht indigener Völker auf ihr angestammtes Land schützt: Der Forest Right Act (FRA). Anschließend wurde der Wildlife Protection Act, das Gesetz zum Schutz der Tier- und Pflanzenwelt Indiens, geändert, um in Einklang mit dem FRA zu stehen. Indiens Gesetze machen deutlich, dass Tigerreservate ohne die vorherige, freie und informierte Zustimmung des dort lebenden indigenen Volkes nicht entstehen können.

Nach indischem Gesetz muss es, um eine legale Umsiedlung durchzuführen, Beweise dafür geben, dass das Volk der Tier- und Pflanzenwelt irreversiblen Schaden zufügt und dass ein Zusammenleben mit den Wildtieren unmöglich ist. Dann, falls die Gemeinschaft ihre Zustimmung gibt, musst ihr eine der zwei Optionen vorgeschlagen werden, die die Behörden laut Gesetz zur Verfügung stellen müssen: entweder Bargeld (1 Million Indische Rupie pro Familie, etwa 12.846 €) oder die Umsiedlung in ein anderes Dorf.

Bei der ersten Option wird die Gemeinde zerstreut, da jede einzelne Familie ohne jegliche Hilfe eine neue Heimat finden muss. Die zweite Option sollte ihnen Zugang zu einem Haus, einer Schule, einem Grundstück, Trinkwasser und anderen Dienstleistungen geben, die von der Regierung in der neuen Siedlung bereitgestellt werden sollen. Wie mangelhaft das Gesetz auch sein mag, es war ein „Schritt nach vorne“ beim Schutz der indigenen Völker Indiens.

Aber das ist keineswegs das, was wirklich geschieht.

Ich habe während meiner Reise unzählige Dörfer in indischen Reservaten gesehen, die zwangsgeräumt wurden oder zwangsgeräumt werden sollten. In keinem Fall gab es Beweise für durch indigene Völker verursachten irreversiblen Schaden an der Umwelt. Laut Interviews in den Dörfern haben die Behörden ein eigenartiges Konzept von „Zustimmung“: „[Beamte] sagten uns, dass wir weggehen müssten und dass uns nicht erlaubt wäre, zu bleiben. Das Dorf ist seit Generationen unsere Heimat. Sie sagten, sie würden Tiger bringen, die in unsere Häuser eindringen und Elefanten, die unsere Häuser niedertreten würden, damit wir nicht mehr da leben können.“

In den Fällen, in den Drohungen nicht direkt gemacht werden, müssen die Gemeinden so viele Einschränkungen aushalten, dass sie gezwungen werden, ihr Land zu verlassen, weil sie durch kleine, tägliche Verletzungen ihrer Grundrechte zermartert werden. Früchte sammeln ist verboten, trockene Äste sammeln ist verboten und auch ihre Häuser wieder aufzubauen ist verboten, wenn sie durch einen Sturm beschädigt wurden. Aber außerhalb des Waldes ist die Situation noch schlimmer.

Diejenigen, die das Bargeld annehmen, bekommen selten die versprochene Summe. Die Suche nach Ackerland kann zu einer Herkulesaufgabe werden, besonders für die, die immer im Wald gelebt haben und nicht mit Transaktionen auf dem freien Markt vertraut sind.

In den meisten Fällen enden die Familien am Rande ihrer Wälder, in erbärmlichen Verhältnissen, ohne den Trost, die die Nähe zur eigenen Gemeinde spendet. Dörfern, die en masse umgesiedelt wurden, geht es auch nicht besser. Das Baiga-Volk, das 2009 aus dem Achanakmar-Tigerreservat verdrängt wurde, lebt im Limbo zwischen einer immer noch nicht fertig gebauten Schule und einem Fleck unfruchtbaren Landes. Mitten im grauen Elend dieser halbfertigen Siedlungen sind die Erinnerungen an die üppige Schönheit ihrer Wälder so schwer wie eine Todesstrafe.

Sie wussten zu viel

Die Baiga haben vieles verloren, aber sie behalten noch stolz ihre Erinnerungen. Sie verstehen nicht, genauso wie ich es auch nicht verstehe, warum sie für die Verbrechen von anderen gegen die Umwelt bezahlen müssen. Wie ist es möglich, dass jemand fremdes im Land ihrer Vorfahren weiß, was mit dem Land getan werden muss, während seine wahren Eigentümer*innen am Rande einer Landstraße verrecken?

Und da sind die Tourist*innen. Die Tourist*innen. Die Tourist*innen, die in Scharen kommen, um das Naturspektakel zu betrachten. Tourist*innen, die Gebühren bezahlen, geführt werden, Tickets haben, gepriesen werden, mit Kameras knipsen, Müll rumwerfen, mit den Jeeps brummen. Willkommen. Hier. Sie spielen ihre „wichtige Rolle“ im Naturschutz. Die großen Umweltorganisationen, denen viele ihr Geld spenden, machen gemeinsame Sache mit der Industrie und dem Tourismus, während die besten Partner*innen in Sachen Umweltschutz zerstört werden. Es ist ein Skandal. Und es schadet dem Naturschutz.

Das Baiga-Volk fragt sich, warum die Behörden so entschlossen sind, es aus seinem Wald zu verdrängen. Am Feuer sitzend, flüstern sie … vielleicht sind sie als alte Bekannte des Waldes eine Belästigung. Sie wissen zu viel und sehen zu viel.

Baiga-Frau aus dem Kanha-Tigerreservat, Indien 2013Baiga-Frau aus dem Kanha-Tigerreservat, Indien 2013

© Survival International, 2013

Ihre Identitäten werden ausgelöscht. Wenn sie in die Schule wollen, sind Tätowierungen und langes Haar – traditionell unter Baiga-Kindern – verboten. Sie werden von den Behörden als primitive Praktiken betrachtet, aber für die Baiga sind sie ein Teil ihres Wesens. Jetzt, wo sie aus ihren Wäldern vertreiben wurden, lebt ihre Identität in diesen Tätowierungen weiter.

Fern von der Kühle ihrer Bäume beleuchtet das elektrische Licht einer Glühbirne die Gesichter der Baiga, die neben mir sitzen und überrascht sind, dass jemand ihre Geschichte hören will.

„Was wird sie nach dem Tod begleiten, jetzt, da die Baiga keine Tätowierungen mehr haben dürfen?“, frage ich. „Nichts,“ antwortet ein zahnloser, einsamer Mann: „Nichts wird die Baiga nach dem Tod begleiten.“

Diese Zwangsräumungen sind illegal. Sie zerstören Leben. Und sie werden den Tiger nicht retten. Es ist an der Zeit, dass wir für all diejenigen einstehen, die die Tiger und dessen Wälder so lang geschützt haben. Wir brauchen eine neue Umweltschutzstrategie in Indien. Eine, die mit den indigenen Völkern und nicht gegen sie arbeitet. Für indigene Völker, für die Natur, für die gesamte Menschheit.

Die Originalversion dieses Artikels erschien am 18. Juli 2018 auf Medium. Übersetzung ins Deutsche durch José-María de la Iglesia Arévalo.


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