Brasilien: Piripkura warten seit 40 Jahren auf Anerkennung ihres Landes
16 Dezember 2025
© Bruno JorgeIm Jahr 2025 sind 40 Jahre seit Beginn des Demarkierungsprozesses des indigenen Territoriums Piripkura im Amazonasgebiet des Bundesstaates Mato Grosso vergangen. Es handelt sich um einen der längsten Prozesse zur Abgrenzung eines Gebiets in Brasilien überhaupt. Ein weiteres indigenes Gebiet in Mato Grosso, das Indigene Land Kawahiva do Rio Pardo, wartet ebenfalls seit Jahrzehnten auf die Demarkierung.
Nach Jahren ohne nennenswerte Fortschritte hat Lula jüngst angekündigt mehrere andere indigene Gebiete offiziell anzuerkennen und zu schützen.
Die unkontaktierten Piripkura und Kawahiva sind Überlebende von Massakern, bei denen fast alle ihre Angehörigen getötet wurden. Die lange Geschichte von Landraub und Zerstörung dieser Gebiete gefährdet das Überleben der indigenen Bevölkerung, da sie vollständig auf ihren Wald angewiesen sind, um zu leben und sich zu entfalten.
Wie der erste umfassende Bericht von Survival über die Lage unkontaktierter Völker weltweit zeigt, leben weltweit mindestens 196 Gruppen in 10 Ländern in Isolation. Diese unkontaktierten Völker sind autark, widerstandsfähig und leben unabhängig in ihren Wäldern. Sie leben gut, wenn ihre Rechte respektiert werden und ihr Land geschützt ist. Doch 96 % aller unkontaktierten Völker und Gruppen sind durch Rohstoffgewinnung und Ausbeutung bedroht – so auch die isoliert lebenden Indigenen im Bundesstaat Mato Grosso.
Die Piripkura
Das Indigene Territorium Piripkura umfasst 230.000 Hektar und liegt zwischen den Gemeinden Colniza und Rondolândia im Bundesstaat Mato Grosso. Die Piripkura sind ein nomadisches Volk und sprechen eine Sprache aus der Familie der Kawahiva-Sprachen. Seit den 1950er-Jahren, als ihr Zuhause überfallen und wirtschaftlich ausgebeutet wurde, haben sie zahlreiche Massaker erlitten.
Im Jahr 2020 war das Indigene Territorium Piripkura stärker von Abholzung betroffen als jedes andere Gebiet unkontaktierter Völker in Brasilien. Luftaufnahmen aus dem Jahr 2021 zeigten, dass das Gebiet illegal besetzt und in alarmierendem Tempo zerstört wurde. Es wurden Farmen, illegale Besetzungen innerhalb des Territoriums sowie Wege für Vieh- und Holztransporte dokumentiert.
Trotz eines Rückgangs der Entwaldungsrate im Jahr 2024 bleibt das Gebiet bedroht – insbesondere durch Landraub und Abholzung, der durch einen Schutzstatus Einhalt geboten werden könnte.
© Rogério Assis/ISA
Der Demarkierungsprozess
Schon am 20. September 1985 wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um Studien in dem Gebiet der Piripkura durchzuführen sowie die Kartierung des indigenen Landes vorzunehmen. Seit der Veröffentlichung dieses ersten Studiendesigns für das indigene Territorium Piripkura sind 40 Jahre vergangen.
In diesen vier Jahrzehnten gab es kaum Fortschritte. Die erste von sieben Phase dieses langen Prozesses – die Studie zur Identifizierung des Gebiets und seiner Kartierung – ist bis heute nicht abgeschlossen.
Derzeit wird das Gebiet lediglich durch ein sogenanntes Notfalldekret geschützt. Diese dient dem rechtlichen Schutz von Territorien unkontaktierter indigener Völker und Gruppen, deren Demarkationsprozess gestartet wurde, aber noch nicht abgeschlossen ist. Sie macht das Eindringen von Außenstehenden sowie die Ausbeutung durch Holzfällende, Goldsuchende und andere Akteur*innen illegal. Trotz dieser Übergangsregelung gibt es weiterhin illegale Aktivitäten im Gebiet.
Kürzlich entschied ein Bundesrichter aus Juína (MT) unter Berufung auf den sogenannten „Stichtag-Trick“, dass illegale Eindringlinge im Gebiet bleiben dürfen, „bis zum Abschluss des jeweiligen Demarkierungsverfahrens und zur Entschädigung gutgläubiger Verbesserungen“. Diese Entscheidung stellt eine schwere Verletzung der Rechte der unkontaktierten Piripkura dar, die in der brasilianischen Verfassung und durch internationale Normen garantierten sind. Die Anwesenheit von Außenstehenden, könnte den Tod der Piripkura und die Zerstörung ihres Waldes bedeuten.
Nachbarn: die isolierten Kawahiva des Rio Pardo
Im Bundesstaat Mato Grosso lebt ein weiteres unkontaktiertes Volk, das auf die Demarkierung seines Territoriums wartet: die unkontaktierten Kawahiva des indigenen Territoriums Rio Pardo. Wie die Piripkura sind auch sie vollständig auf ihren Wald angewiesen. Sie fischen und jagen – darunter Wildschweine, Affen und Vögel. Sie errichten einfache Unterkünfte, sogenannte Tapiris.
Über Jahrzehnte hinweg wurden viele Kawahiva von Holzfällenden und Viehzüchtenden ermordet. Andere Angehörige der Kawahiva starben an Krankheiten, die von Eindringlingen eingeschleppt wurden.
Ihr Territorium ist eine grüne Insel inmitten eines Meeres von Zerstörung. Zwei Gebiete für traditionelle Bewohner*innen in denen Extraktivismus erlaubt ist, grenzen an das indigene Gebiet. Auch dort gibt zahlreiche Berichte über Umweltverbrechen durch Außenstehende, darunter illegale Holzgewinnung und Landraub.
Obwohl die FUNAI die Existenz der Kawahiva bereits vor 26 Jahren bestätigt hat, zieht sich die Anerkennung ihrer Landrechte aufgrund von Bürokratie und juristischen Auseinandersetzungen bis heute hin. 2016 veröffentlichte das Justizministerium nach Druck indigener Organisationen und Survival die deklaratorische Verordnung (Demarcação física) – den fünften Schritt im langwierigen Prozess, der die Grenzen des Territoriums festlegt und das Gebiet als indigenes Land anerkennt. Seitdem jedoch liegt der Prozess still, trotz wiederholter Versprechen, die Demarkierung abzuschließen.
Im vergangenen Jahr erkannte der Verfassungsrichter Edson Fachin das „Risiko eines Genozids” an den isolierten Kawahiva an und verordnete den Abschluss der physischen Demarkierung des Territoriums.
Zu Beginn dieses Jahres versprach die FUNAI öffentlich, dass die physische Demarkierung noch im selben Jahr erfolgen würde und sie den Vorgaben des Richters nachkommen werden. Anfang Dezember teilte die Behörde für indigene Angelegenheiten jedoch mit, dass die Demarkierung erst im nächsten Jahr stattfinden werde – womit sie ihr Versprechen brach und den dem Obersten Gerichtshof vorgelegten Zeitplan verletzte.
Wie lange noch? 240 Jahre?
Diese beiden Fälle sind ernüchternde Beispiele für die extreme Langsamkeit der Demarkierungsprozesse im Allgemeinen, aber auch spezielle für die Territorien unkontaktierter Völker in Mato Grosso. 40 Jahre Stillstand für die Piripkura und 26 Jahre für die Kawahiva aus Rio Pardo. Wenn die Regierung bei den Piripkura im gleichen Tempo fortfährt, dann ist das Land frühestens in 240 Jahren geschützt.
Unkontaktierte Völker sind vollständig auf ihren Wald für ihr Überleben und Wohlergehen angewiesen. Die Stimmung in Brasilien ist derzeit vermehrt Indigenen-feindlich, was den Schutz der indigenen Gebiete besonders wichtig macht, um Rechtssicherheit und dauerhaften Schutz der Territorien zu gewährleisten.




