Stephen Corry begann 1972 sich für die globale Bewegung für indigene Völker zu engagieren und war lange Jahre als Direktor von Survival tätig. Im Interview spricht er über einige der Dinge, die in dieser Zeit passiert sind, wie die Lage indigener Völker sich verändert hat und welche Eindrücke ihn und Survival geprägt haben.

Dies ist eine Verschriftlichung eines Interviews von Dezember 2020. Das Video kannst du hier ansehen.

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Vielen Dank Stephen, dass du heute mit uns sprichst. Ich habe ein paar Fragen für dich vorbereitet und würde mich sehr über deine Ansichten dazu freuen. Die erste ist wahrscheinlich die einfachste Frage: Wie bist du am Anfang auf Survival gestoßen und an welchen Kampagnen warst du damals beteiligt?

Ich bin 1972 auf Survival gestoßen, als es sich gerade in Survival International umbenannt hatte. Es gab einen Artikel darüber in einer britischen Zeitung, den ich las. Was dort stand, schien mit meiner Sicht der Situation übereinzustimmen. Also ging ich zu einem öffentlichen Treffen in London und war beeindruckt von dem, was ich hörte. Also bot ich später meine Zeit als Freiwilliger im Londoner Büro an und so fing ich an.

Und die Kampagnen: Nun, damals hatten wir nicht wirklich ein Konzept für Kampagnen, wie wir es jetzt haben. Die Leute hatten das Problem identifiziert – das Problem war Landraub, Landnahme. Indigene Völker verlieren ihr Land. 90% der Probleme indigener Völker sind auf Landverlust zurückzuführen. Aber niemand hatte wirklich eine klare Vorstellung davon, was dagegen getan werden könnte.

In den ersten zwei oder drei Jahren entwickelten wir also eine Antwort darauf. Zu Beginn war die allgemeine Wahrnehmung, dass es nur zwei mögliche Lösungen gab. Eine war die Isolation: Das indigene Volk sollte von der Mainstream-Gesellschaft isoliert bleiben. Und die andere war die Integration. Es gab für uns keinen dritten Weg, bis wir vor allem in Kolumbien darauf stießen, wo die indigene Bewegung bereits stark war. Die kolumbianischen Indigenen sprachen viel über Selbstbestimmung.

Die Idee der Selbstbestimmung haben wir also erst von indigenen Völkern gelernt. Es klingt jetzt offensichtlich, aber damals war es nicht offensichtlich.

Hat sich auch deine Wahrnehmung von indigenen Völkern und / oder Industriegesellschaften im Laufe der Zeit verändert?

Das ist eine komplizierte Frage. Ja, verschiedene Dinge haben sich geändert.

Ich nehme an, früher war die allgemeine Wahrnehmung, dass indigene Völker im Wesentlichen fragile Gesellschaften sind, die mit einer überwältigenden Kraft der Mainstream-Gesellschaft in Kontakt kommen und dabei zerstört werden.

Das gilt natürlich in vielerlei Hinsicht, insbesondere für zahlenmäßig sehr kleine Gesellschaften, in denen das gesamte Volk vielleicht 100 oder 200 Personen zählt. Es ist aber auch wahr, dass die Fähigkeit – die Anpassungsfähigkeit – der indigenen Völker außerordentlich hoch ist.

Beobachter*innen im Allgemeinen fingen gerade erst an, das zu erkennen. Wenn sie eine indigene Person in einer Stadt sahen, die als Person aus der Mainstream-Gesellschaft gekleidet war, wurde angenommen, dass diese indigene Person „akkulturiert“ oder in die Mainstream-Gesellschaft und -Kultur aufgenommen war.

Tatsächlich sind indigene Völker sehr geschickt darin – oft, nicht immer –, zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche „Masken“ aufzusetzen. Beobachtende können also jemanden sehen, der völlig autark im Wald lebt und nur sehr wenig von außen verbraucht und jemanden der vielleicht mehr Kleidung trägt, in die Stadt geht und genau wie die anderen Stadtbewohner*innen aussieht und in Geschäfte geht. Und dann kehrt diese Person in den Wald und zu einer ganz anderen Lebensweise oder sogar Persönlichkeit zurück.

Ein Teil des Grundes, warum es heute noch indigene Völker gibt, liegt in ihrer Anpassungsfähigkeit und Resilienz. Ich denke, das ist ein Aspekt, der noch nicht überall verstanden wird und sicherlich in den frühen Tagen von Survival nicht verstanden wurde. Es ist durchaus möglich, dass Besuchende – und das sieht man immer wieder – in eine indigene Gemeinschaft gehen, wo die alten Menschen „traditionell“ aussehen und die jungen Menschen Sonnenbrille und Radios oder Mobiltelefone tragen. Und die Besuchenden glauben, dass die „traditionelle“ Art in einer Generation vollständig verschwunden sein wird.

Und dann kehrt derselbe Besuchende 30 oder 40 Jahre später in dieselbe Gemeinde zurückkehrt und sieht dasselbe.

Mit anderen Worten, diejenigen Menschen, die jung waren und in die Mainstream-Gesellschaft integriert zu sein schienen, sind jetzt die alten Leute und sehen viel „traditioneller“ aus, weil sie erkannt haben, dass ihre Zukunft nicht im Mainstream liegt.

Es gibt also diese Feinheiten, von denen wir vor etwa 50 Jahren nichts wussten. Und das habe ich zu schätzen gelernt.

Wie hat sich deine Rolle in Survival verändert? Was ist passiert, nachdem du als Freiwilliger angefangen hast?

Nun, als ich anfing, hatten wir nur für die Nachmittage ein Büro in London, in der Nähe einer der Hauptbahnhöfe. In einem Keller. Und es gab praktisch kein Personal.

Das öffentliche Treffen [bei dem ich von Survival erfuhr] und die Tatsache, dass es in einer wichtigen Zeitung angekündigt war … Das öffentliche Treffen bestand aus sehr bekannten Redner*innen, und so war dies eindeutig eine bedeutende Organisation, und ich brauchte tatsächlich – es klingt albern -, aber es dauerte mehrere Monate, bis mir klar wurde, dass es überhaupt kein Personal gab.

Survival hatte die Generalsekretärin des Royal Anthropological Institute angestellt, das sich im selben Gebäude befand und ein kleines Büro mit drei Mitarbeitenden hatte. Survival beschäftigte sie, um die Post zu öffnen und das Bankkonto und dergleichen zu führen. Ich war im Wesentlichen der einzige andere Mitarbeiter. Aber das habe ich nicht bemerkt.

Über Jahre hinweg fragten mich Gäste: “Schön Sie kennenzulernen, aber können wir die anderen Büros sehen?” Und ich musste erklären, dass es keine anderen Büros gab. Dies wurde oft als ein Witz angesehen und die Leute glaubten es nicht. Sie gingen davon aus, dass es, da Survival schon damals ziemlich bekannt war, irgendwo Personal und Büros geben musste und den ganzen Kram. Aber das gab es nicht. Das hat sich also erheblich geändert. Jetzt haben wir 40 oder 50 Leute in verschiedenen Büros in Europa und den Vereinigten Staaten und freie Mitarbeitende anderswo.

Die Sache ist offensichtlich aus dem Nichts gewachsen. Am Anfang gab es kein Geld und jetzt gibt es mehrere tausend Unterstützer*innen, die spenden und es uns ermöglichen, das zu tun, was wir sagen. Es ist also eine ganz andere Sache.

Welche Fälle und Kampagnen, wenn du jetzt zurückblickst, liegen dir besonders am Herzen oder waren sehr wichtig für dich?

Es gab eine Reihe von Kämpfen und Fällen, die sehr erfolgreich waren.

Ich nehme an, der erste waren die Yanomami: die Kampagne zur Anerkennung des Yanomami-Landes in Brasilien. Die Kampagne war älter als Survival. Einige der Personen, die an der Gründung von Survival beteiligt waren, waren bereits involviert. Die Kampagne fing also in den späten 1960er Jahren an und wir haben sie ab Ende der 1970er Jahre stark vorangetrieben: Als es ein Straßenprojekt gab, um eine Straße durch das Gebiet der Yanomami zu bauen. Leute wie wir erkannten, dass dies im Grunde das Ende der Yanomami in Brasilien sein würde. Die Idee war, ihnen 19 verschiedene “Landinseln” in verschiedenen Ecken zu geben, was sie als Volk zerstört hätte.

In Brasilien startete eine Kampagne, die sich hauptsächlich um eine Fotografin – Claudia Andujar – drehte, die inzwischen für ihre Fotografie und ihr Engagement bekannt geworden ist. Und wir waren der internationale Arm dieser Kampagne.

Wir hatten mehrere Leute, die lange Zeit mit den Yanomami gearbeitet hatten. Also begannen wir die Kampagne und versuchten, die brasilianische Regierung unter Druck zu setzen, um den Straßenbau zu stoppen und den Yanomami eine durchgehende Landfläche zu sichern. Das dauerte Jahrzehnte – bis 1992. Also lief das von Anfang der 70er Jahre für die nächsten 20 und mehr Jahre.

Ich muss sagen, dass seit Beginn der Kampagne, die Leute, die daran beteiligt waren, einschließlich uns und mir, eigentlich nie wirklich damit gerechnet haben, dass es funktioniert. Als dies geschah – was ziemlich plötzlich war – waren alle erstaunt, dass die brasilianische Regierung tatsächlich ein Gebiet abgrenzte, dass bis heute noch das größte Gebiet im tropischen Regenwald unter indigener Kontrolle ist.

Dies wurde auch von dem aufstrebenden Yanomami-Sprecher Davi Kopenawa stark vorangetrieben. Das erste Mal, dass Davi Brasilien verließ, war auf unsere Einladung zum “Alternativen Nobelpreis”, den Survival 1989 gewann und in Schweden erhalten sollte. Wir wollten, dass eine indigene Person diese Auszeichnung mit uns erhält, und wollten insbesondere die Gelegenheit nutzen, um auf eine bestimmte Kampagne aufmerksam zu machen. Wir entschieden uns für die Yanomami-Kampagne und Davi reiste zum ersten Mal ins Ausland. Es war sehr erfolgreich, es gab viel Aufmerksamkeit. Es war damals sehr ungewöhnlich, dass Amazonas-Indigene im Ausland auftraten.

Drei Jahre später wurde das Schutzgebiet, der “Yanomami-Park”, gegründet.

Es gab mehrere ähnliche Erfolge. Die Kampagne für die Gana und Gwi-Buschleute war sehr intensiv und dauerte Jahre, um ihre Vertreibung aus der zentralen Kalahari in Botswana zu stoppen. Und andere ähnliche Fälle in Brasilien und anderswo.

Vor 40 Jahren bin ich ziemlich viel mit unterschiedlichen indigenen Völkern in verschiedenen Teilen Amazoniens gereist und 40 Jahre später ist die Situation in vielerlei Hinsicht besser als sie war. Das heißt nicht, dass die Bedrohungen nicht immer noch akut sind, was sie auch sind. Aber in den frühen 70er Jahren zum Beispiel sagten die brasilianischen Expert*innen, die die indigene Szene sehr gut kannten, voraus, dass es bis zum Ende des 20. Jahrhunderts keine indigenen Völker mehr im Land geben würde. Diese Vorhersage wurde ziemlich oft wiederholt. Das war das Ausmaß der Bedrohung, die damals wahrgenommen wurde.

Es gibt jetzt mehr Indigene als damals, die Zahl hat zugenommen. Diese Vorhersagen waren also falsch, was mich zur Widerstandsfähigkeit indigener Völker zurückbringt, wenn ihnen eine Chance gegeben wird. Es gab ähnliche Kämpfe, die wir oft jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang geführt und gewonnen haben.

Natürlich wird nie etwas vollständig gewonnen, da die Bedrohung immer noch besteht. Das Gebiet der Yanomami zum Beispiel, in Brasilien, wird jetzt erneut von illegalen Goldschürfern besetzt, was zu Krankheiten führt. Vor 20 Jahren war es zerebrale Malaria, eine sehr tödliche Form von Malaria. Jetzt ist es Covid. Die Bedrohung ist also da und zu keinem Zeitpunkt ist eine Kampagne wirklich jemals beendet – wegen der verbleibenden Bedrohung.

Glaubst du, dass sich die Bedrohungen geändert haben, oder ist das zugrunde liegende Problem gleich?

Das zugrunde liegende Problem ist das gleiche und ist seit der Landung der Kolonisten vor 500 Jahren auf dem amerikanischen Kontinent praktisch gleichgeblieben: Landraub.

Wie ich bereits sagte, sind 90 % der Probleme auf Landdiebstahl zurückzuführen. Wenn indigene Völker nach eigenem Ermessen auf ihrem Land weiterleben können, sind die verbleibenden Probleme fast unbedeutend. Das ist also gleichgeblieben.

Es gibt zu verschiedenen Zeiten der Geschichte unterschiedliche Vorstöße in das, was wir als “abgelegene Gebiete” betrachten. In den 60er und 70er Jahren gab es in Brasilien einen sehr akuten Versuch Amazonien zu erschließen. Das Gleiche geschah in Ecuador, es gab einen Vorstoß von den Anden nach Amazonien, um Ölressourcen zu nutzen. Doch das kommt und geht.

Wenn du 120 Jahre zurückgehst, war es auch mit dem sogenannten Gummiboom so, mit der Gewinnung von Gummi bzw. Kautschuk aus Amazonien, der sehr große Teile des Waldes erschloss und bei der Zehntausende Indigene für die Gummigewinnung versklavt wurden. Dann verschwand dies, als der Markt für südamerikanischen Kautschuk aus wirtschaftlichen Gründen praktisch zusammenbrach, was im Grunde genommen damit zu tun hatte, dass der britische Kautschukanbau anderswo den Markt in Südamerika kollabieren ließ. Diese Gebiete kehrten in einigen Fällen unter die Kontrolle der Indigenen zurück und wurden dabei wieder bewaldet.

Ich war in Gebieten, die zu der Zeit noch auf der Landkarte als Straßen markiert waren, folgte ihnen durch den Wald und natürlich war absolut nichts mehr von der Straße übrig, weil sie schon Generationen zuvor verschwunden war. Und es wurde wieder bewaldet. Die Indigenen, mit denen ich zusammen war, fanden den Weg, weil sie das neuere Wachstum der Pflanzen erkannten. Aber auf der Karte war dies ein Industriegebiet im Jahr 1900 mit großen Gummidepots, Booten, die kamen und gingen, und dann wurde es isolierter. Ich denke also nicht, dass wir davon ausgehen sollten …

Es gibt eine Annahme, dass die Welt in eine einzige Richtung geht, und dass alles mehr “entwickelt”, mehr industrialisiert wird. Aber im echten Leben kommen diese Dinge in Wellen und sie bleiben nicht unbedingt für immer. Wer weiß … Wenn der Ölmarkt einbricht, werden die ecuadorianischen Ölfelder in Amazonien nicht mehr rentabel sein und die Dinge könnten auf einen weniger industrialisierten Zustand zurückkehren, wenn man so will. Aber im Grunde ist das Problem, das Fundament ist das gleiche.

Gibt es auch etwas, von dem du glaubst, dass es in allen Kampagnen und Fällen, an denen Survival gearbeitet hat, gleich ist, oder sind sie alle sehr besonders?

Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. In der Tat, wenn wir an Orte gehen und den Menschen erklären, dass die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, dieselben sind wie die anderer, die sich möglicherweise im selben Land, aber hundert Meilen entfernt oder auf einem anderen Kontinent befinden …

Also wenn wir den Gana und Gwi in Botswana in der Kalahari sagen, dass das Problem, mit dem sie konfrontiert sind, auch Menschen betrifft, die in tropischen Regenwäldern in Südamerika leben. Sie finden das überraschend, aber auch sehr ermutigend – die Idee, dass sie mit diesem Problem nicht allein sind.

Es gibt also mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, und es läuft letztendlich auf den Wunsch von Regierungen und Unternehmen sowie religiösen Organisationen und Naturschutzorganisationen usw. hinaus, dass Menschen grundsätzlich auf eine Weise leben. Und es ist die Art und Weise, die sie wollen.

Tatsächlich ist die Vielfalt der Menschheit phänomenal und bleibt phänomenal, obwohl wir die Welt als miteinander verbunden wahrnehmen, alle im Internet sind und alle etwas über Fußball wissen und sich dieselben Filme und Dinge ansehen. In Wirklichkeit ist das nur ein Teil der Geschichte. Bis vor kurzem hatten die meisten Menschen auf der Welt noch nie telefoniert. Die meisten Menschen waren noch nie in einem Flugzeug geflogen. Die Menschheit bleibt unter der Oberfläche außerordentlich vielfältig, und dafür kämpft Survival im Grunde genommen: Es ist das Recht von Menschen, so zu leben, wie sie leben möchten.

Nicht alle müssen zum selben Ziel streben, nämlich Geldwirtschaft, Lohnverdienst, … die Art der Gesellschaft, die Regierungen und Unternehmen vorantreiben, die aber für viele Menschen wenig oder gar nichts bereithält.

Du hast einmal gesagt, dass ein Angriff auf die menschliche Vielfalt auch ein Angriff auf alle ist. Wie meinst du das?

Es gibt Menschen “in unserer Gesellschaft”, die sich auch nicht unbedingt auf das übliche – nennen wir es westlichen Mythos – einlassen, woraus das sogenannte zivilisierte Leben bestehen sollte. Kernfamilie, Job, Haus, Auto und alles andere. Es gibt Menschen, die die Bestrebungen dieser Gesellschaft als unbefriedigend oder sogar steril empfinden und deshalb einen anderen Weg gehen. Es gibt viele Leute, die sich “abmelden”. Trotzdem neigen wir dazu, nichts von ihnen zu hören, weil sie keine Presse bekommen. Sie reden nicht im Internet.

Das passiert und ist immer auf verschiedene Arten passiert. Menschen gehen und gründen ihre eigenen Siedlungen und lehnen den Mainstream ab. Wir sehen es bei Religionsgemeinschaften in den Vereinigten Staaten und in vielen anderen Ländern, auch die Hippie-Bewegung hatte teilweise damit zu tun, auszusteigen.

Der Wunsch nach Vielfalt und nach einem anderen Leben der Menschen war schon immer da und wenn man sich die Geschichte anschaut, ist er sichtbar. Ich glaube nicht, dass das jetzt weniger ist als früher. Das ist es, was Regierungen nicht mögen, weil sie wollen, dass alle das gleiche Format haben und erreichbar sind. Wir müssen also eine Adresse haben: Das erste, wonach man in offiziellen Papieren gefragt wird, ist eine Adresse. Wenn Sie keine Adresse haben … und es gibt natürlich Leute, die keine Adresse haben, einschließlich in Europa, Fahrende, Sinti oder Roma. Es gibt viele Leute, die die Idee einer dauerhaften Adresse ablehnen würden, die von Regierungen nicht gemocht werden.

Ein Angriff auf indigene Völker ist also ein Angriff auf die Vielfalt, ein Angriff auf Menschen, die anders leben als der Mainstream, und das betrifft uns alle, weil es um die menschliche Vielfalt geht.

Eigentlich kann die Zukunft nur etwas werden, mit menschlicher Vielfalt. Ich meine, wir sehen das jetzt genau: Menschen, die autarker sind, haben mehr Chancen auf eine stabile Zukunft als Menschen, die auf industrielle Lebensmittel oder internationalen Transport angewiesen sind. Nur ein Vulkan muss explodieren und alle Flugzeuge bleiben am Boden. Tatsächlich sind wir unglaublich abhängig – viele von uns – von diesem Mainstream-System.

Die Gruppen, die es nicht sind, werden die Menschen sein, die den Weg in die Zukunft weisen. Sie sehen dies jetzt besonders im Bewusstsein der Klimabewegung, dass es ernsthafte Probleme mit der Mainstream-Gesellschaft gibt. Menschen haben das natürlich seit Tausenden von Jahren gedacht und es gibt immer mehr Leute, die das auch erkennen. Es gibt also mehr Menschen, die die Mythen des Wirtschaftswachstums und des Individualismus usw. in Frage stellen, die historisch gesehen ohnehin noch recht jung sind – drei- oder vierhundert Jahre alt.

Ein Angriff auf indigene Völker ist ein Angriff auf die menschliche Vielfalt und das ist ein Angriff auf den Geist der Menschheit. In diesem Sinne ist es ein Angriff auf uns alle.

Welche Rollen spielen deiner Ansicht nach das Völkerrecht oder internationale Konventionen wie die ILO 169, welche die Rechte indigener Völker verbindlich schützt? Haben sie international eine Rolle gespielt oder nicht?

Ja, all diese Dinge, die UNO, die Abkommen, die Anerkennung von Landrechten … Es sind “Werkzeuge”, wenn man so will.  Nichts davon ist Selbstzweck. Es sind alles Werkzeuge, die verwendet werden können.

Viele Länder haben das internationale Übereinkommen ILO 169 ratifiziert, das sich mit der Situation von “in Stämmen lebenden Völkern” befasst. Und in keinem der Länder, die es ratifiziert haben, wird es notwendigerweise respektiert. Aber das ist natürlich bei allen Gesetzen gleich. Es ist gegen das Gesetz, jemanden zu töten, aber Menschen töten immer noch Menschen. Die Tatsache, dass das Gesetz nicht eingehalten wird, ist also kein Grund, es nicht zu haben.

Was man tun muss, ist, es in den Gesetzesbüchern zu verankern. Dann braucht es Menschen, die darauf drängen, dass es angewendet und respektiert wird. In diesem Sinne ist es nur ein Werkzeug. Es hängt davon ab, dass die Menschen dahinter ständig darauf bestehen, dass es anerkannt, respektiert und wirklich angewendet wird. Jede Grundsatzerklärung, jedes Gesetz, jede Konferenzerklärung oder jede UN-Erklärung ist einfach ein Werkzeug. Eines von vielen Werkzeugen. Wir brauchen die Werkzeuge, aber es sind nicht die Werkzeuge selbst, die das Problem lösen. Es sind die Menschen, die sie dann anwenden und einsetzen.

Welche Rolle glaubst du, haben die Unterstützer*innen von Survival in der Vergangenheit gespielt? Welche Beiträge sind deiner Einschätzung nach wichtig und bedeutsam für diesen Kampf?

Survival begann sich schon früh weniger als Organisation, als vielmehr als Bewegung zu charakterisieren, und dies hatte in zweierlei Hinsicht eine immens starke und vorteilhafte Wirkung.

Zum einen ist da die Erkenntnis, dass es gewissermaßen kaum interessiert, was eine NGO, eine Nichtregierungsorganisation, denkt oder sagt. Was die Menschen interessiert, und das schließt Politiker*innen und die Medien ein, oder den Gesetzgebungsprozess … Was die Menschen interessiert, ist die öffentliche Meinung und das Gewicht der öffentlichen Meinung zugunsten eines Themas: für indigene Völker, gegen die Todesstrafe, was auch immer es ist.

Die Sache, die tatsächlich Dinge verändert, sind nicht Organisationen. Survival charakterisierte sich also als eine Bewegung von Menschen, die eine bestimmte Vision und ein bestimmtes Ziel teilen. Natürlich haben nicht alle unsere Unterstützer*innen gleichviel Zeit zu geben oder die gleiche Sichtweise oder die gleiche Erfahrung mit der Situation. Dennoch teilen sie alle diese Grundidee, dass indigene Völker einen Platz in der Welt haben und einen Platz in der Welt haben sollten. Das gibt uns eine große Stärke.

Der andere Schlüsselfaktor ist die Unabhängigkeit der Finanzierung. Survival erhält kein Geld von Regierungen und auch nicht von großen Stiftungen oder Unternehmen. Das ist heutzutage ein sehr ungewöhnliches Finanzierungsmodell. Vor 50 Jahren war es nicht so, es war eigentlich völlig normal für NGOs. Aber NGOs wurden bis zu einem gewissen Grad durch Stiftungszuschüsse, Zuwendungen der öffentlichen Hand usw. in das System einbezogen, was natürlich ihre Unabhängigkeit beeinträchtigt, da sie dann unweigerlich feststellen, dass ihre Themen entsprechend den Anforderungen oder Wünschen der Geldgeber bewegt und verschoben werden.

Survival kann also nur deshalb frei davon sein, weil die Unterstützer*innen, viele Tausende von Unterstützer*innen, uns oft kleine Geldbeträge gegeben haben, die die Unabhängigkeit unserer Finanzierung garantieren, was wiederum die Unabhängigkeit unserer Stimme garantiert. Das ermöglicht uns, Dinge zu sagen, die manchmal unbeliebt sind – sicherlich unbeliebt bei Regierungen und unbeliebt bei Unternehmen, bei Bergbauunternehmen usw. und manchmal auch unbeliebt bei unseren Unterstützer*innen.

Unsere Kritik an der Naturschutzbranche kann Menschen schockieren, da natürlich davon ausgegangen wird, dass Naturschützer*innen und Naturschutzbranche auf der gleichen Seite stehen wie wir. Die Erkenntnis, dass sie manchmal auf der anderen Seite sind, indigene Völker zerstören, kann für die Menschen schockierend sein und ihre Unterstützung gefährden. Das liegt daran, dass die großen Naturschutzorganisationen die Finanzierung und daher die Ideen im Naturschutz kontrollieren. Die Unabhängigkeit, unpopuläre Dinge sagen zu können, ist daher von entscheidender Bedeutung.

Der springende Punkt von Survival ist, unsere Botschaft nicht zu verbiegen, wenn Menschen unsere Meinung nicht hören wollen, einschließlich unserer Unterstützer*innen.

Wir müssen unserer Botschaft treu bleiben und diese doppelte Rolle spielen, indem wir sowohl die Bewegung als auch ihre Grundregeln widerspiegeln und gleichzeitig die Bewegung dazu führen, alle die Dinge zu erkennen, die ich schon genannt habe: dass nicht unbedingt nur eine überwältigende Mainstream-Gesellschaft scheinbar fragile Gesellschaften zerstört, sondern es gibt auch Geschichten des Widerstands, der Solidarität der Indigenen … All diese anderen Faktoren spielen eine Rolle und wir müssen in der Lage sein zu sagen, was unserer Meinung nach gesagt werden muss, unabhängig von der möglichen Kritik.

Dies ist einer der Gründe, warum wir in den Ländern, zu denen wir arbeiten, keine Büros haben. Da die Bedrohung des Personals dieser Büros durch Unternehmen und Regierungen dazu führen könnte, dass wir unseren Ton ändern oder mildern und unsere Botschaft ändern, um das Personal zu schützen. Wir müssen also einen robusten und in der Tat kontroversen Charakter aufrechterhalten … Survival wird oft wegen seines kontroversen Charakters kritisiert, aber das ist meiner Ansicht nach absolut zentral für die Aufgabe, die wir uns gestellt haben.

Wenn Survival heute neu gegründet würde, woran sollten wir arbeiten und wie sollen wir vorgehen?

Nun, das ist schwierig, weil ich denke, dass Survival verwurzelt ist … Wie ich bereits sagte: Vor 50 Jahren haben die Menschen die Probleme in Bezug auf Integration oder Isolation betrachtet. Survival lernte das Konzept der Selbstbestimmung von indigenen Völkern.

Wir lernten viel über die Dinge, die ich erwähnte – über den Widerstand, über die Widerstandsfähigkeit, über die Fähigkeit indigener Völker, verschiedene “Masken” in verschiedenen Kontexten zu tragen und in ihnen aufzutreten, vielleicht Anzug und Krawatte in einem Kontext und dann wieder bei der Jagd im Wald mit Blasrohr. Diese Dinge haben wir über lange Zeiträume mit und von Indigenen gelernt, wobei wir Situationen auf der ganzen Welt beobachtet haben.

Ich denke, wenn wir neu anfangen würden, wenn wir jetzt in einem Raum sitzen und darüber nachdenken würden, wie wir eine Organisation wie diese aufbauen sollten, müssten wir viele Leute dort haben, die all diese Dinge verstanden haben, die für uns Jahrzehnte gedauert haben. Ich habe es nie gezählt, aber in Survival müssten buchstäblich Tausende von Menschen-Jahren an Erfahrung stecken, direkte Erfahrung mit indigenen Völkern.

Wir können Survival nicht künstlich in einem Vakuum zusammensetzen oder wenn wir es tun, kommen wir zu etwas ganz anderem. Wir kommen zu etwas, was die Leute erwarten, was möglicherweise nicht das ist, was wir tatsächlich brauchen, um Veränderungen herbeizuführen.

Wenn ich mich jetzt von Grund auf hinsetzen und fragen würde, wie wir Survival International zusammenstellen, würde ich wahrscheinlich sagen: Nun, wir müssen ein paar Leute finden, die sich sehr stark für die Idee engagieren, und ihnen dann die Gelegenheit geben, ausreichend lange bei indigenen Gemeinschaften zu bleiben, um zu versuchen zu verstehen, was tatsächlich vor sich geht. Und diese Menschen sollten dann Survival gründen.

Das war eine sehr interessante Antwort. Aber ich habe noch eine letzte Frage: Wenn du ein Buch zum Lesen empfehlen müsstest, um mehr über diese Themen zu erfahren, welches Buch wäre es?

Nun, es wäre mein Buch “Tribal Peoples for Tomorrow’s World”, das ich genau deshalb geschrieben habe.

Ich wollte dieses Buch nicht schreiben. Es war viel Arbeit und hat sehr lange gedauert. Nebenbei waren viele andere Dinge zu tun. Ich hätte mir gewünscht, dass es bereits ein Buch gegeben hätte, auf das wir Menschen verweisen könnten. Aber seltsamerweise wurde mir – wahrscheinlich vor 15 Jahren, als ich anfing, es zu schreiben – klar, dass es kein Buch gab, das erklärte, wer indigene Völker waren, mit welchen Problemen sie konfrontiert waren, das für normale Menschen ohne Fachwissen zugänglich war. Ohne den Jargon von Anthropologie oder Sozialwissenschaft oder ähnlichem kennen zu müssen.

Also schrieb ich es genau mit dem Ziel, die Dinge in Buchform zu bringen, die ich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten gesehen und gelernt hatte. Es gibt keine Bibliographie, weil es nicht auf dem Lesen anderer Bücher basiert, sondern im Wesentlichen darauf, mit Menschen zu sprechen, mit Menschen zu leben, mit Menschen zu reisen und mit Hunderten, wenn nicht Tausenden von Menschen zu diskutieren, die über sehr tiefe Erfahrungen mit diesen Themen verfügen, einschließlich natürlich Indigener selbst.

Für einen Überblick, eine Art Einführung, kenne ich eigentlich kein anderes Buch – schon gar nicht eines, das sich nicht an eine akademischere Leserschaft richtet. Also würde ich mein Buch empfehlen.

Das andere Buch, das ich empfehlen würde, ist “Da habt ihr’s!”, das man buchstäblich in zwei Minuten lesen kann und welches das grundlegende Problem humorvoll, aber äußerst genau, beschreibt: Nämlich, dass die Mainstream-Gesellschaft sich noch heute – sonderbarerweise – für hoch zivilisiert hält. Dass sie glaubt, sie kennt den Weg in die Zukunft und hat die Antworten. Dass das Problem mit allen anderen ist, dass sie aufholen müssen. Das ist eine außerordentlich koloniale Haltung, die immer noch weit verbreitet aber völlig falsch ist.

Das Comic-Buch “Das habt ihr’s!” zeigt, wohin das wirklich führt, nämlich zu Verarmung, Enteignung, Krankheit, zu all den Dingen, die wir in nordamerikanischen Reservaten oder in Aborigines-Townships in Australien sehen, wo Menschen einen extrem hohen Alkoholkonsum haben, einschließlich fötalem Alkoholsyndrom, häuslicher Gewalt, Selbstmord, Haft, Selbstmord von Kindern.

Das ist es, was wir diesen Menschen antun und bis zu einem gewissen Grad auch, was wir uns selbst antun. Die Haupttodesursache, zum Beispiel bei jungen Männern in Großbritannien, ist wohl Selbstmord. Das ist eine schreckliche Anklage gegen die Gesellschaft, die wir geschaffen haben. Es gibt auch ein sehr hohes Maß an Armut und Unterernährung. All diese Dinge, von denen wir dachten und von denen uns gesagt wurde, dass die “Zivilisation” sie angehen würde, sind dramatisch gescheitert. 

Was wir indigenen Völkern antun, tun wir auf eine Art auch uns selbst an.