Naturschutz verschlimmert Gesundheitsnotstand der „Pygmäen“

Naturschutzprojekte und Abholzung sind eine der Hauptgründe dafür, dass indigenen Völkern zunehmend weniger Ressourcen zur Verfügung stehen. Dieser Umstand soll die fatalen Auswirkungen einer Epidemie in der Republik Kongo verschärft haben.

Naturschutzprojekte und Abholzung sind eine der Hauptgründe dafür, dass indigenen Völkern zunehmend weniger Ressourcen zur Verfügung stehen. Dieser Umstand soll die fatalen Auswirkungen einer Epidemie in der Republik Kongo verschärft haben.

© C. Fornellino Romero/Survival

Eine kongolesische Organisation kommt zu dem Schluss, dass Naturschutzprojekte für den Tod einiger Dutzend Kinder, größtenteils Bayaka-„Pygmäen,“ mitverantwortlich sind. Die Kinder starben während einer Epidemie 2016 in der Republik Kongo, die jüngste in einer langen Reihe an Massenepidemien.

Laut medizinischer Untersuchungen waren die Todesursachen Malaria, Lungenentzündung und Ruhr, die aufgrund von schwerwiegender Mangelernährung tödlich endeten.

Bereits seit 2005 wird über Mangelernährung unter den Kindern der Bayaka in dieser Gegend berichtet, weil Wildhüter und Parkwächter die Indigenen daran hindern, auf ihren Gebieten zu jagen und Nahrung zu sammeln. Sie bedrohen die Bayaka und wenden auch Gewalt an.

Die Wildhüter werden von der Wildlife Conservation Society, einer der weltweit größten Naturschutzorganisationen, sowie ihrem Projektpartner CIB, einem Abholzungskonzern, finanziert und ausgestattet. Beide Organisationen haben keine effektiven Maßnahmen gegen die Misshandlungen ergriffen.

“Die Wildhüter misshandeln uns. Wir dürfen den Wald nicht betreten. Wie sollen wir unsere Kinder ernähren?”, erzählte ein Bayaka aus Mbandza, wo die Epidemie wütete, Survival International 2016.

In den letzten Jahren wurden immer wieder Stimmen laut, die von Misshandlungen an den Bayaka und Nahrungsmitteldiebstählen berichteten. Nach einem solchern Übergriff in Mbandza 2016, musste ein Mann schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Für jedes größere Projekt auf dem Land der Baka und Bayaka wird ihre Zustimmung benötigt. Jedoch halten sich weder WWF noch WCS daran.

Für jedes größere Projekt auf dem Land der Baka und Bayaka wird ihre Zustimmung benötigt. Jedoch halten sich weder WWF noch WCS daran.

© Survival International

Durch die andauernde Bedrohung werden die Bayaka unrechtmäßig aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. Eine Bayaka-Frau erzählt: „Der Wald nährt uns gut im Gegensatz zu den Dörfern. Wir essen wilde Yams und Honig. Wir möchten in den Wald gehen, aber sie verbieten es uns. Wir haben Angst. Wir haben Angst.“

Kritiker*innen merken überdies an, dass Wildhüter daran gescheitert sind die Tiere zu schützen, auf die die Bayaka angewiesen sind. Es scheint ihnen nicht zu gelingen die Korruption einzudämmen und den Bau neuer Abholzungs-Schneisen zu stoppen – zwei der wichtigsten Wegbereiter für Wilderei.

Seit 2006 hat sich der Gesundheitszustand der Bayaka, die im zentralafrikanischen Dzanga-Sangha-Schutzgebiet (DSPAC) – eines der Vorzeigeprojekte des WWF – leben, gravierend verschlechtert. Laut einer 2016 veröffentlichten Studie würden die dort vorgefundenen Bedingungen unter den älteren Frauen „von internationalen Gesundheitsorganisationen als nationale Gesundheitskrise angesehen“ werden.

Auch unter den Baka in Kamerun, wo der WWF agiert, und unter den Batwa in einem vom WCS gegründeten Schutzgebiet im Osten der Demokratischen Republik Kongo, stiegen die Fälle an Mangelernährung, aber auch die Sterblichkeitsrate signifikant an.

„Wir fürchten uns vor den Wildhütern. Früher konnten wir eine Frau nach der Geburt in den Wald bringen, dort kam sie wieder zu Kräften. Nun können wir das nicht mehr. Wir würden unsere Kinder in den Wald bringen, um uns vor Epidemien zu schützen. Nun sind wir von Krankheiten betroffen, die wir noch nie zuvor gekannt haben.“, sagte eine Baka-Frau aus Kamerun gegen Survival International.

“Weitere Aussagen der Baka (Video) >”:https://www.survivalinternational.org/films/baka-health

Weder WCS noch WWF haben zuvor die Zustimmung der indigenen Völker zu den Projekten eingeholt, was jedoch gemäß ihrer eigenen Menschenrechtsleitlinien und grundlegenden Sorgfaltspflichten vorgeschrieben ist.

Stephen Corry, Direktor von Survival International, sagt dazu: „Landraub ist ein ernstes und tödliches Verbrechen. Das zeigen diese Berichte. Viele Menschen verbinden Naturschutz mit Vernunft und Mitgefühl, aber für die Baka und Bayaka bedeutet er oftmals sinnlose Gewalt und eine Zunahme an Krankheiten. Wann werden sich WWF und WCS endlich an ihre eigene Menschenrechtsleitlinien halten?“

Chronik

1996: Die Organisation Berggorilla & Regenwald Direkthilfe berichtet dass Mangelernährung und eine steigende Sterblichkeitsrate unter den Batwa immer mehr zum Problem wird, seit sie aus Kahuzi-Biega, einem Nationalpark im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC), der durch WCS finanziert wird, vertrieben wurden.

1997: Der WWF beobachtet, dass die Bayaka im Dzanga-Ndoki-Park ernsthaft gestraft sind und ihnen die Nahrungsgrundlage genommen wird, weil sie auf dem Gebiet nicht mehr jagen oder Nahrungsmittel sammeln dürfen. Der Dzanga-Ndoki-Park befindet sich in der Zentralafrikanischen Republik und wurde teils durch den WWF finanziert.

2000: In einer Studie wird festgestellt, dass die Batwa in Kahuzi-Biega ernsthafte Ernährungsdefizite aufweisen, da sie nicht mehr jagen dürfen. Die Sterblichkeitsraten steigen sprunghaft an. Mangelernährung ist insbesondere unter Frauen und Kindern ein Problem.

2004: Als die BBC Untersuchungen in den von CIB betriebenen Abholzungsgebieten im Kongo anstellt, berichtet ihnen ein Bayaka-Mann: „Wir leiden sehr unter den Wildhütern. Wir können nicht einfach im Wald nach Nahrung suchen, wie wir es früher getan haben. Alles, was wir kennen, ist Hunger.“

2004: Bayaka aus einer anderen Gemeinschaft im Kongo berichten Greenpeace : „Und dann trafen wir einen anderen weißen Mann (WCS), der uns sagte, dass das Jagen verboten sei und dass die Wildhüter darauf achten würden, dass wir uns daran halten. Jetzt haben wir Angst etwas weiter in den Wald hineinzugehen, sonst fangen uns die Wildhüter. Wir müssen im Dorf bleiben. […] Jetzt verhungern wir.“

2005: Das Congolese Observatory on Human Rights, die Organisation, die 2016 auch über die Epidemie berichten wird, dokumentiert gewalttätige Übergriffe von Wildhütern gegen die Bayaka in mindestens drei Fällen. Sie warnt, dass manche Bayaka „verhungern“.

2005: Ein Medienbericht schildert, dass Bayaka in einem Abholzungssektor von CIB von Übergriffen durch Wildhüter berichten, die sie misshandeln und zeitweise sogar inhaftieren. Immer mehr Kinder und gefährdete Erwachsene sind von Mangelernährung betroffen.

2006: Der WWF und seine Partner geben einen Bericht in Auftrag, der belegt, dass die Bayaka im Dzanga-Sangha-Schutzgebiet sich kaum noch selbst ernähren können. Bayaka, die für diesen Bericht interviewt werden, erzählen, dass sie aufgrund des Naturschutzprojektes aus ihren angestammten Jagdgründen mit einem reichen Wildbestand vertrieben wurden. Sogar in den ihnen zugewiesenen Gebieten wurden sie von Wildhütern angegriffen und belästigt. Die Wildhüter selbst ließen sich von Wilderern bestechen lassen. Einige Bayaka-Frauen können ihre Kinder nicht mehr ernähren, so dass sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, als sich in der angrenzenden Stadt zu prostituieren.

2006: Ein Artikel in The Lancet warnt, dass das „Volk der Pygmäen zunehmend gesundheitlichen Risiken ausgesetzt wird, sollte der zentralafrikanische Regenwald weiterhin zerstört und die dort lebenden Menschen (…) für Naturschutzgebiete enteignet werden. Der Regenwald ist Grundlage für ihre traditionelle Gesellschaftsstruktur, ihre Kultur und die Jäger-und-Sammler-Wirtschaft.“

2008: UNICEF warnt, dass das Recht der Bayaka Ressourcen zu sammeln auf „elementarste Weise beschnitten wird, weil Indigene keinen Zugang mehr zu Gebieten haben, in denen zahlreiche Wildarten leben“, da sich diese nun in geschützten Bereichen im Kongo befinden.

2012: Ein Anthropologe, der seit über 18 Jahren mit den Bayaka im Kongo zusammenarbeitet, berichtet über Mangelernährung und eine erhöhte Sterblichkeitsrate. Verantwortlich macht er die Abholzung und den damit verbundenen Verlust an Ressourcen sowie die „ausgrenzenden und drakonischen Managementpraktiken der ‚Naturschützer‘“.

2013: Ein Forscher der Oxford-Universität beschreibt den Effekt, den Naturschutz und Abholzung in Kombination haben: Immer höhere gesundheitliche Risiken und vermehrter Drogen- und Alkoholmissbrauch unter den Bayaka. Er folgert, dass die Bemühungen um den Naturschutz von der Zustimmung indigener Völker profitieren würden.

2014: Eine medizinische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass „Strafmaßnahmen gegen Wilderei“ und der schwindende Wildbestand ernste gesundheitliche Folgen für die Bayaka im Schutzgebiet Dzanga-Sangha haben. Frauen sind im besonderen Maße betroffen. „Es ist entmutigend zu sehen, dass die Naturschutzpolitik der letzten 25 Jahre so eng mit dem gesundheitlichen Notstand […] verbunden ist“, erklären die Autorinnen der Studie.

2015: Ein Medizinerin, der seit vielen Jahren in den Abholzungsgebieten von CIB arbeitet, berichtet, dass „abgesehen von Wunden, die den Menschen durch Gorillas, Büffel oder anderen Wildtieren beigebracht wurden, sehe ich auch [Schuss] Wunden. Die Menschen behaupten, dass sie von den Beschützern der Wildnis, den Wildhütern, angegriffen worden sind – manchmal ohne Vorwarnung.“

2015: Die gleiche Medizinerin sagt Survival: „Ich halte [die Gewalt durch Wildhüter] für ein ernstes Problem. Ich vermute, dass die meisten Wildhüter aus anderen Gründen als dem Tierschutz diesen Beruf ergriffen haben.“

2016: Eine weitere Medizinerin, die ebenfalls lange Zeit in den Gebieten von CIB arbeitete, beschreibt Survival die saisonal auftretende Mangelernährung unter den Bayaka, die sie repressiven Naturschutzpolitiken zuschreibt.

„Pygmäen“ ist ein Sammelbegriff, der für unterschiedliche Jäger und Sammler-Völker und ehemalige Jäger-und-Sammler-Völker aus dem Kongobecken genutzt wird. Der Ausdruck gilt als abwertend und wird von manchen gemieden, andere nutzen ihn aus praktischen Gründen und als einfache Art, um sich selbst zu beschreiben.