Ein isolierter Stamm steht vor der Zerstörung

Der erst vor kurzem in Kontakt mit der Außenwelt gertretene Stamm der Jarawa auf den Andamanen Inseln im Indischen Ozean konnte 2002 neue Hoffnung schöpfen: In einem mutigen und neuartigen Urteil hat der  Oberste Gerichtshof Indiens angeordnet, die „Andaman Trunk Road", eine Landstraße, die mitten durch ihr Reservat führt, zu schließen und alle Siedler, die sich auf ihrem Land niedergelassen haben, zu entfernen. Ein Jahr später hat die Verwaltung der Inseln (die zu Indien gehören) bereits signifikante Fortschritte gemacht, die immer weiter vordringenden Siedler vom Land der Jarawa zu entfernen. Aber die Landstraße ist nach wie vor geöffnet und setzt die Jarawa weiterhin gefährlichen Krankheiten und Ausbeutung aus.

Die Jarawa sind nomadische Wildbeuter, die sich seit rund 150 Jahren dem Kontakt mit den Siedlern der Andamanen widersetzen. Sie sind einer von vier noch überlebenden eingeborenen Stämmen auf den Inseln. Von diesen Stämmen sind zwei, die „Great Andaman" und die Onge, sowohl von der britischen Kolonialverwaltung, als auch den indischen Behörden zwangsweise sesshaft gemacht und dabei durch eingeschleppte Krankheiten und die Veränderungen ihrer Lebensweise so stark geschwächt worden, dass sie nahezu ausgerottet wurden. Die Zahl der Onge fiel von 670 Menschen im Jahr 1910 auf rund 100 Menschen heute; die der Great Andaman, die 1948 noch 5000 Mitglieder zählten, auf gerade einmal 41. Die Jarawa, deren Zahl etwa 250-300 beträgt, leben im Regenwald. Sie jagen Schweine und Echsen, fangen Fische, Schildkröten und Dugongs (ein Meerestier) mit Pfeil und Bogen. Außerdem sammeln sie Beeren, Wurzeln und Honig im Wald. Die Jarawa schotteten sich bis in die jüngste Vergangenheit von der Außenwelt strikt ab. Erst seit kurzer Zeit sieht man gelegentlich  kleine Gruppen von ihnen entlang der Straße. Man nimmt an, dass sich diese Veränderung in ihrem Verhalten auf den Druck zurückführen lässt, der von Wilderern, die v.a. entlang den Küstengebieten ihres Reservats agieren, ausgeht. Der dritte andamanesische Stamm, die Sentilesen, sind aufgrund der Tatsache, dass sie auf ihrer eigenen Insel leben, noch viel besser geschützt als die Jarawa. Aber selbst sie sind durch Besuche von Wilderern und Regierungsangestellten bedroht.

Seit 1948 haben sich tausende indischer Siedler auf den Inseln niedergelassen und sind zusammen mit den Wilderern immer weiter in das Gebiet der Jarawa eingedrungen, wodurch sie dem Stamm immer mehr seiner im Wald vorkommenden, natürlichen Resourcen raubten und ihnen Krankheiten brachten, gegen die sie keine Immunität hatten. Die Gefahren, denen die Jarawa durch den ungewollten Kontakt mit Fremden ausgesetzt wurden, vermehrten sich um so mehr, als in den Siebziger Jahren die „Andaman Trunk Road" illegalerweise durch ihr Gebiet gebaut wurde. Diese Straße bringt die Jarawa täglich aufs Neue in Kontakt mit Reisenden in Bussen und Lastwägen und hat die Erschließung ihres Landes durch Siedler erst möglich gemacht. Die Bedrohung durch Krankheiten ist sehr real: Eine unbekannte Zahl Jarawa starben erst 1999 im Wald während einer Masern-Epidemie.

Die Arbeit von Survival und anderen Organisationen war bisher sehr effektiv. Erstens hat der Hohe Gerichtshof eine temporäre Anweisung erlassen, die die zwangsweise Ansiedlung der Jarawa vorerst unterbindet. Survival hatte im Vorfeld davor gewarnt, dass eine Zwangsansiedlung zur Auslöschung der Jarawa führen würde. Empirisches Datenmaterial zur Stützung dieser Prognose, welches Survival zuvor bei anderen nomadischen Völkern, die einer ähnlichen Politik ausgesetzt waren, sammelte, wurde in der Urteilsbegründung ausführlichst zitiert. Survival hatte sich außerdem für eine Schließung der Landstraße und für eine Entfernung der Siedler vom Land der Jarawa eingesetzt. Beide Anliegen wurden mittlerweile vom Obersten Gerichtshof Indiens erhört und in einem Urteil umgesetzt.

Der vom Obersten Gerischtshof anberaumte Termin zur Schließung der Landstraße war der August 2002, aber bislang blieb die Straße weiterhin offen. Kommentare des Vizegouverneurs der Inseln lassen den Rückschluss zu, dass die regionale Verwaltung eher unwillig ist, den Gerichtsbeschluss auch wirklich auszuführen. Es gab 2003 sogar größere Instandsetzungsarbeiten an einem Teil der Straße, der eigentlich geschlossen werden müsste. Örtliche Parlamentsmitglieder forderten sogar, die Straße vielmehr zu verbreitern als zu schließen. Wenn die Verzögerungen in der Durchführung des Gerichtsbeschlusses weitergehen, könnte die Verwaltung der Andamanen Gefahr laufen, wegen der Missachtung des Gerichtes angezeigt zu werden. Noch wichtiger aber ist, dass sie dabei ist, die vergangenen Fehler der britischen und indischen Regierungen zu wiederholen und dabei einen der letzten überlebenden Stämme der Andamanen zerstört.

Mehr Informationen erhalten Sie von Survival Deutschland; per Tel.: ++49 (0)30 29002372 oder per Email: [email protected]

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