Es hat auf der Welt genauso viele Pestepidemien gegeben wie Kriege. Und doch treffen Pest und Krieg die Menschen immer unvorbereitet.
Albert Camus

 

Es ist Zeit für ein Geständnis. Vor nicht allzu langer Zeit saß ich in einem abgelegenen Teil Indiens auf dem Boden und bekam einen Teller mit Reis und Fleisch. Als Tochter der westlichen Welt kam ich nicht umhin, mich zu fragen, woher das Fleisch stammt. Meine Gastgeber warfen sich einen Blick zu (nie ein gutes Zeichen!), bevor sie mit einem Lächeln antworteten: „Stammesfleisch“. 

Es war Fledermaus.

Was die Einheimischen als Teil ihrer Lebensweise als selbstverständlich ansahen, schien mir damals eher eine abenteuerliche Geschichte zu sein, die ich meinem Freundeskreis in Europa erzählen könnte.

Dann, vor ein paar Monaten, passierte etwas, dass aus einem Film zu stammen schien und von dem kein gewöhnlicher Mensch erwartet hatte, dass es wirklich passieren würde.

Auf einem dieser (so genannten Nass-) Märkte, auf denen in der chinesischen Stadt Wuhan frische Produkte, darunter auch wilde Tiere, verkauft werden, lief für die Menschen etwas schief. Nach Angaben der chinesischen Regierung ging von dort, vielleicht von einer Fledermaus, die COVID-19-Epidemie aus. Obwohl diese Entstehungsgeschichte angezweifelt werden kann, änderte dies nichts an der Tatsache, dass sich das Virus schnell verbreitete. Ebenso schnell wie die Vorurteile, Missverständnisse und falschen Propheten. Die Engel der Apokalypse, insbesondere Naturschützer und Schreibtisch-Experten, forderten schnell die Schließung der Märkte und ein vollständiges, weltweites Ende der „Wilderei“, des Konsums und des „Handels“ mit Wildtieren.

Ein „Detail“, das von diesen Experten übersehen wird – die in der Regel einen Supermarkt in der Nähe haben und das Geld besitzen, um dort Lebensmittel zu kaufen –, ist, dass Wildtiere sowohl eine Hauptquelle für Proteine, als auch von zentraler Bedeutung für die Identität vieler Menschen in Afrika und Asien sind. Viele Europäer und Amerikaner sind auch nicht abgeneigt, saisonales Wild auf dem Teller zu haben. Aber die apokalyptischen Totenklagen hören damit nicht auf. Naturschützer machen den Verlust der biologischen Vielfalt und die Verstädterung als Ursache der Krankheit aus (obwohl die Zusammenhänge nicht bewiesen sind). Sie nutzen die Epidemie auch, um auf mehr „Schutzgebiete“ zu drängen und das „Problem“ der Überbevölkerung „zu lösen“.

Sie behaupten diese Forderungen basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Aber das ist nicht wahr.

In Wirklichkeit basieren die Argumente, welche für ein Verbot des Verzehrs und Handels mit Wildtieren, die Schaffung von mehr Schutzgebieten und den Umgang mit der „Überbevölkerung“ sprechen, auf anderen Annahmen. Meist sind es Spekulationen, Halbwahrheiten, absichtliche Falschdarstellungen, westliche Vorurteile und das Schreckgespenst des Ökofaschismus. Dies könnte eine Katastrophe für das Land und die Lebensweise der indigenen Völker auf der ganzen Welt bedeuten.

 

Die Kannibalen und die Zivilisation

„Ich bin kein Rassist, ich würde genau dasselbe sagen, wenn die Essgewohnheiten in Neuseeland die Ursache dafür wären. Asien und Afrika müssen davon abgehalten werden, Wildtiere zu essen, und diese grausamen und unhygienischen Märkte müssen für immer geschlossen werden“, schreibt jemand auf Twitter und beklagt, dass Afrikaner und Asiaten aufgrund ihrer Essgewohnheiten schmutzig und grausam sind. Aber dieser jemand redet sich ein, dass diese Ansichten unmöglich rassistisch sein können.

Es scheint keine Rolle zu spielen, ob es stichhaltige Beweise für eine Verbindung zwischen informellen Märkten und Pandemien gibt oder nicht. Es spielt keine Rolle, wie viele Pandemien durch die Nutztiere verursacht wurden, die „wir“ gerne essen, wie Hühner und Kühe. Die tödliche Vogelgrippe zum Beispiel kam von domestizierten Enten, und der berühmte „Rinderwahnsinn“, der die Briten in den 1990er Jahren heimsuchte, kam von ihren geliebten Rindern. Es spielt keine Rolle, dass verarbeitetes Fleisch wie Hamburger und Hotdogs den Tod von 60.000 Amerikanern pro Jahr verursachen sollen. „Unsere“ Nahrung wird immer noch als gesund angesehen, es ist immer die von anderen, die angeblich „unhygienisch“ ist.

Die Wildlife Conservation Society (WCS), „die umfassendste Naturschutzorganisation der Welt“, geht in ihren Behauptungen noch weiter. Sie beansprucht nun das Recht und vermutlich auch die Pflicht, den Menschen überall zu sagen, was sie essen sollen, und zwar in einem Ton, der von kolonialer Bevormundung bis hin zu absurder Hysterie reicht. „Um künftig größere Virusausbrüche wie den von COVID-19 zu verhindern, empfiehlt die WCS, den gesamten kommerziellen Handel mit Wildtieren für den menschlichen Verzehr (insbesondere von Vögeln und Säugetieren) einzustellen und alle derartigen Märkte zu schließen.“

Die WCS ist die Organisation, die vor allem bekannt ist für die Leitung des Bronx Zoo, ein von Großwildjägern gegründeter Ort, an dem heutzutage 4.000 Tiere in Käfigen gehalten werden. In ihren Versuchen, den Verzehr von Wildtieren zu verbieten, räumt sie ein, dass es Ausnahmen geben kann für „indigene Völker und lokale Gemeinschaften, für die andere Proteinquellen im Allgemeinen nicht verfügbar sind, und andere, die für ihren eigenen Verzehr jagen“. Aber für diejenigen, die keine Alternativen haben, heißt es weiter: „Wir müssen sicherstellen, dass sie Zugang zu nachhaltig produziertem Geflügel, Fisch, Pflanzenproteinen und in einigen Fällen wirbellosen Tieren haben.“

Die Naturschützer, die diktieren, welche Art von Nahrungsmitteln indigene Völker (und alle anderen Menschen) essen dürfen, besitzen eine erschütternde Überheblichkeit. Sie interessieren sich offensichtlich nicht für die symbolische und kulturelle Rolle, die Nahrung für alle Gesellschaften hat, von den Franzosen bis zu den Regenwaldbewohnern des Kongo. Man kann nicht einfach ein Protein durch ein anderes ersetzen, wie die WCS selbst bei ihren wiederholt gescheiterten Versuchen feststellte, „Buschfleisch“ für Menschen, die in der Nähe von Schutzgebieten in Afrika leben, durch Rindfleisch zu ersetzen. Wie sich die Gesellschaft ernährt, hat, wie jeder junge Anthropologiestudierende weiß, tiefgreifende Auswirkungen und wird von der Wirtschaftsform, gesellschaftlichen Praktiken, dem Geschlecht, der Religion und tiefen historischen Assoziationen mit dem Land und seinen Tieren beeinflusst.

Das ist nicht das einzige Problem: Was passiert, wenn wir den Handel mit und den Verzehr von Wildtieren verbieten, wenn es keine anderen Proteinquellen gibt? Lassen wir mehr Menschen verhungern? Ist eine Abhängigkeit von der industriellen Nahrungsmittelproduktion mit all ihren enormen Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheit und persönliche Finanzen irgendwie „besser“ als ein nachhaltiger Verzehr von Wildtieren?

Der latente Rassismus, der hinter der Verkündung von gutem und schlechtem Protein steckt, ähnelt der Unterscheidung zwischen „wildern“ und „jagen“. Afrikaner, die Wild wie Antilopen erlegen, sind „Wilderer“. Europäer und Amerikaner, die Elefanten und andere vom Aussterben bedrohte Tiere schießen – und dafür im Allgemeinen viel Geld bezahlen –, sind „Jäger“.

Es ist kein Zufall, dass Naturschützer das Virus ausnutzen, um nicht nur die Schließung der informellen Märkte zu fordern, sondern auch mehr Geld für den angeblichen „Krieg gegen die Wilderei“. Sie behaupten, die Forschung untermauere ihre Forderungen. In Wirklichkeit gibt es keinen Zusammenhang: Einige Fledermausarten zum Beispiel sind nicht einmal geschützt und können legal gejagt werden.

Viele so genannte „Wilderer“ sind in Wirklichkeit unschuldige Indigene, die jagen, um ihre Familien zu ernähren. Sie werden von Park-Rangern, die von Organisationen wie WWF und WCS finanziert werden, gefoltert, vergewaltigt und getötet. (Manche werden sogar nur der Wilderei beschuldigt, egal ob sie es tatsächlich tun oder nicht). Ein Verbot des Verzehrs von Wildtieren wird unweigerlich mehr Gewalt und Repression gegen gefährdete Bevölkerungsgruppen mit sich bringen und noch mehr Hunger zur Folge haben. Und natürlich wird es Pandemien nicht aufhalten.

 

Zu viele, zu arm

Naturschützer haben die Krise als Chance ergriffen, um die Lebensweise eines großen Teils der Weltbevölkerung zu kriminalisieren, die ihnen nicht gefällt. Das verstärkt die Illusion der Trennung von Menschen und der Natur, und könnte auch die Fläche der Schutzgebiete erheblich erhöhen, was auch immer der Preis für den Menschen sein mag.

Es überrascht nicht, dass Epidemien in der Geschichte immer Momente weit verbreiteter Angst waren, in denen die Schwächsten und Ausgegrenzten den höchsten Preis bezahlt haben. Wir mögen glauben, dass wir einen einzigartigen Moment in der Geschichte durchleben, aber in Wirklichkeit haben Seuchen und andere Katastrophen die Menschheit seit Jahrtausenden heimgesucht.

Während des Schwarzen Todes, der Europa um 1348 traf, starben schätzungsweise 30-60% der europäischen Bevölkerung. Einige Europäer machten verschiedene Gruppen für die Krise verantwortlich: Juden, Geistliche, Ausländer, Bettler, Pilger, Aussätzige, Roma usw. Personen mit sichtbaren Krankheiten wie Akne, Schuppenflechte oder Lepra wurden routinemäßig ermordet. Während der Cholera-Epidemie, die Europa 1832 heimsuchte, kristallisierten sich politische und gesundheitliche Ängste heraus, die die aufkommende Arbeiterklasse als Ursache identifizierten. Die Machthaber kamen zu dem Schluss, dass Epidemien auf die schmutzigen Gewohnheiten der armen Menschen zurückzuführen seien; in ihrer neuen und expandierenden kapitalistischen Industriewirtschaft wurde Armut als die Krankheit angesehen. Die aktuelle Hysterie in den sozialen Medien, die jetzt das Virus auf die Überbevölkerung in Asien und Afrika schiebt und behauptet, dass „die Menschen das Virus sind“, ist also leider nichts Neues.

Einige Naturschützer behaupten, dass der Verlust der biologischen Vielfalt zur Verursachung des Virus beigetragen hat. Doch diejenigen, die dem Handel mit Wildtieren die Schuld geben, schweigen weitgehend über den Hauptgrund für diesen Verlust ­­– den übermäßigen Konsum. Und sie scheinen kein Problem damit zu haben, mit einigen der schmutzigsten und zerstörerischsten Industrien auf dem Planeten zusammenzuarbeiten, darunter Holzunternehmen und Waffenhersteller.

Selbst wenn man die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen dem Verlust der biologischen Vielfalt und der Ausbreitung des Virus akzeptiert, welche höchst fragwürdig ist, ist die Schuldzuweisung an den globalen Süden sowohl rassistisch als auch sinnlos. Vergessen wir nicht, dass die Nachfrage nach Ressourcen, die für degradierte Landschaften und ökologische Zerstörung verantwortlich ist, weitgehend vom globalen Norden und nicht vom angeblich „überbevölkerten“ Süden angetrieben wird. Wir sollten auch nicht vergessen, dass viele indigene und ortsansässige Menschen, die an vielen der artenreichsten Orte der Erde nachhaltig leben, von ihrem Land vertrieben, ihrer Selbstversorgung beraubt und in den Städten an den Rand ihrer Existenz gedrängt werden. Das wiederum führt zu einer Überbevölkerung der Städte. Wer steckt dahinter? Die Antwort lautet: Naturschützer, die Rohstoffindustrie und andere Akteure im globalen Norden.

Den Ärmsten und Verletzlichsten die Schuld zu geben und sie auf einen Opferaltar zu zwingen, nur um uns und unsere Lebensweise zu schützen, ist „ökofaschistisch“. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Ideologie, die unter dem Vorwand des Umweltschutzes das Überleben nur einer Lebensweise mit ihren angeblich „überlegenen“ Menschen auf Kosten anderer, die weniger wert sind, sichern will.

Der Slogan „Der Mensch ist das Virus“ ignoriert die Tatsache, dass nicht alle Menschen zur Zerstörung des Planeten beigetragen haben, und gerade die Hauptverursacher jetzt ein Verbot des Verzehrs von Wildtieren und mehr Schutzgebiete fordern. All dies wird das Leben indigener Völker zerstören, die bei weitem die besten Hüter der Umwelt sind. Eine wirkliche Antwort auf unsere Umweltprobleme würde voraussetzen, indigene Völker in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen, ihren Stimmen Gehör zu verschaffen und ihre Landrechte anzuerkennen.

Einige argumentieren, dass die Verwüstungen, die der Schwarze Tod im Europa des 14. Jahrhunderts anrichtete, ein Umdenken auslösten, das zum Entstehen der Renaissance beitrug. Das Corona-Virus kann auch weitreichende Folgen für unsere Sicht der Welt und der menschlichen Gesellschaft haben. Werden die Ökofaschisten gewinnen und Angst und Panik ausnutzen, um Akzeptanz für ihre schrecklichen Ansichten zu erlangen? Oder wird es eine neue „Renaissance“ geben, in der wir erkennen, dass die menschliche Vielfalt der Schlüssel zum Schutz unseres Planeten ist, und in der wir akzeptieren, dass das Leben von Wildtieren für viele Kulturen der Welt von zentraler Bedeutung ist und wenig oder gar nichts mit dem Aussterben von Arten oder tödlichen Viren zu tun hat? Die Antwort liegt, wie immer, zumindest teilweise in unseren Händen.

 

24. April 2020 – Die Übersetzung ins Deutsche wurde durch Survival International vorgenommen und basiert auf dem englischen Original.