Gerichtsverfahren enthüllt schockierende Details: Missbrauch an Schulen für Indigene

Jyotsnas Tochter wurde 2019 in einer Fließband-Schule in Maharashtra wiederholt unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht.

Jyotsnas Tochter wurde 2019 in einer Fließband-Schule in Maharashtra wiederholt unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht.

© Survival

Fünfzehn Mädchen aus einer Internatsschule für indigene Kinder in Maharashtra, Indien, wurden wiederholt unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht. Der Fall offenbart das schockierende Ausmaß an Missbrauch in ähnlichen Schulen.

Der systematische Missbrauch von indigenen Kindern in Internatsschulen, der durch diesen und ähnliche Fälle aufgedeckt wurde, belegt eindrücklich, dass die Politik der indischen Regierung eine Katastrophe ist: Lokale Dorfschulen für indigene Kinder wurden geschlossen und ihre Eltern somit gezwungen, sie in weit entfernte Internate zu schicken.

Der Missbrauch im Fall Maharashtra kam erst ans Licht, als zwei der Mädchen ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Vier Personen wurden verhaftet. Der Eigentümer des Wohnheims, ein Lokalpolitiker, ist weiterhin frei und hat die Mütter der Mädchen beschuldigt, lediglich eine Entschädigung erzwingen zu wollen.

Jyotsna, Mutter eines der Opfer, sagte: „Meine 9-jährige Tochter war Schülerin an der Schule, wo sie zwischen Januar und März [2019 wiederholt sexuell] misshandelt wurde. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass unseren Töchtern sowas passieren würde. Warum passieren diese Dinge immer uns, den Adivasi (Indigenen)? Sie gaben Beruhigungsmittel und Medikamente in das Trinken unserer Kinder… Die Mädchen bekamen Spritzen! … Wie konnte ihnen das zustoßen? Wir fordern Gerechtigkeit für unsere Töchter.“


Jyotsna: “Wir fordern Gerechtigkeit für unsere Töchter.”

Von den 15 Mädchen im Alter von 8-13 Jahren, die von der Polizei untersucht wurden, wurden 13 positiv auf Drogen und sexuellen Missbrauch getestet, während Tests an zwei anderen zeigten, dass sie betäubt worden waren. Den beiden letztgenannten wurde nun mitgeteilt, dass sie die ihnen gewährte Entschädigung zurückgeben müssen.

Die Familien haben keinen Anwalt. Sie haben einen öffentlichen Anwalt angefordert, bisher erfolglos.

Ein Bericht aus dem Jahr 2016 über ähnliche Schulen im Bundesstaat Maharashtra ergab, dass in den letzten Jahren fast 1.500 Kinder in solchen Schulen gestorben sind. In den meisten Fällen ist die Ursache unbekannt oder nicht verzeichnet. In den drei Jahren seit Aufdeckung des Skandals wurde wenig getan, um die Missbräuche zu verhindern.


Savita, Mutter von einem der missbrauchten Mädchen, berichtet, dass die Kinder verängstigt waren und zunächst nicht von dem Missbrauch berichteten.

Survivals Recherchen haben erschreckende Ausmaße von Missbrauch und Tod in ähnlichen Schulen im ganzen Land und weltweit ergeben. Survival setzt sich gegen diese „Fließband-Schulen“ ein, die indigene Kinder weit weg von ihren Familien und Gemeinschaften bringen, um sie „umzuprogrammieren“, damit sie sich dem Mainstream anpassen. Weit weg von zu Hause sind die Kinder einem hohen Risiko von Missbrauch und Vernachlässigung ausgesetzt. Diese Schulen sind Teil einer bewussten, weitreichenden Politik von Regierungen, um indigene Identitäten zu beseitigen und indigene Gebiete zu rauben. Einige Schulen werden von Unternehmen oder Rohstoff-Industrien unterstützt, die versuchen, das Land, die Arbeitskräfte und die Ressourcen der Gemeinschaft zu nutzen.

Papuanische Jungen eingesperrt in einer Fließband-Schule in Jakarta. Solche Schulen lehren die Kinder, sich für ihre Identität und Herkunft zu schämen.

Papuanische Jungen eingesperrt in einer Fließband-Schule in Jakarta. Solche Schulen lehren die Kinder, sich für ihre Identität und Herkunft zu schämen.

© Michael Bachelard

Stephen Corry, Direktor von Survival International, sagte heute: „Indigene Kinder werden in Fließband-Schulen geschickt, wo sie in echter Lebensgefahr sind, wo Missbrauch und Vernachlässigung weit verbreitet sind und wo das ganze Ethos der Schulbildung darin besteht, sie ihrer Identität zu berauben und sie von ihrer Kultur und Gemeinschaft zu trennen. Was diese Mädchen erlitten haben, ist unerträglich. Wenn ihre Schulbildung unter der Kontrolle und dem wachsamen Auge ihrer Gemeinde gestanden hätte, wäre dies nie geschehen. Die Zeit, Fließband-Schulen zu beenden, ist gekommen.“

Survival Internationals Mitarbeiterin Dr. Jo Woodman sagte heute: „Schulen sollten ein sicherer Ort sein, aber in diesem Fall wurden Mädchen im Alter von acht Jahren wiederholt unter Drogen gesetzt und missbraucht. Isoliert von ihren Familien, gezwungen in einer fremden Sprachen zu lernen und dazu gebracht sich für ihre Herkunft zu schämen, leiden viele indigene Kinder schrecklich in diesen Schulen und haben ein alarmierend hohes Risiko des Missbrauchs. Heute wissen wir, dass ein ähnliches indigenes Schulsystem in Kanada einem kulturellen Völkermord gleichkam. Ich glaube nicht, dass es noch lange dauern wird, bis Indiens Behandlung von indigenen Kindern im gleichen Licht betrachtet wird. Indigene Bildung MUSS unter indigener Kontrolle stehen."